Die sexuelle Befreiung räumt den Frauen mehr Autonomie ein

Die sexuelle Befreiung war von gesetzlichen Veränderungen begleitet. Diese räumten Frauen mehr Rechte und ihren Körpern mehr Autonomie und Handlungsmacht ein. Diese rechtliche und politische Revolution wurde von einer ökonomischen gestützt. In deren Zug infiltrierte und umgestaltete der Konsumentenmarkt weite Bereiche der Identität und des Selbst. Der Verbrauchermarkt und die Therapiekultur konnten den durch die negative Freiheit eröffneten leeren Raum mit etwas kolonialisieren. Dies bezeichnet Axel Honneth als „reflektive Freiheit“. Reflexive Freiheit erfordert von den Akteuren die Reflexion darüber, was sie wollen, und hält sie zu einer Hinterfragung ihres Willens an. In ihrem Mittelpunkt stehen die Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung der eigenen Wünsche und Subjektivität. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem sowie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Der Konsummarkt und die Psychologie sind sehr mächtig

Axel Honneth zufolge tritt die reflexive Freiheit in zwei Formen auf: einer kantisch-rationalen und einer hegelianisch-romantischen. Im ersten Fall befragt man sich selbst, ob man vernünftige Ziele verfolgt und nach Autonomie strebt. Im zweiten Fall befragt man sich selbst danach, ob man sein wahres Selbst ausdrückt. Soziologisch ist die romantische Seite der reflexiven Freiheit massiv in den Konsummarkt und seine technologischen Avatare integriert worden.

Dies geschah, um so den uferlosen Ausdruck authentischer Wünsche, Begierden, Triebe und Bedürfnisse zu ermöglichen. Ihre rationale Seite hat Ausdruck im Komplex der Therapie gefunden. Jener gewaltigen Institution zur Ausrichtung und Hinterfragung des Willens unter dem Leitstern des Ideals der Autonomie. Die Kombination von Konsummarkt und Psychologie hat eine Machtfülle angenommen, wie sie der irische Althistoriker Peter Brown dem Christentum zuschreibt.

Die Sexualität wurde politisch doppeldeutig

Die Psychologie und der Konsummarkt ersetzen den „Willen“ durch das „individuelle Begehren“. Dabei verwandeln sie die sexuelle Begierde in das Grundmotiv für andere Formen des Begehrens. Damit machten sie die Sexualität zu einer moralischen Größe. Zugleich stellten sie die Techniken und Praktiken zur Verfügung, um die sexuellen Begierden ebenso zu befreien wie zu erfüllen. Die Sexualität, einst ein zentrales politisches Terrain von Feministinnen und Homosexuellen, wurde dadurch politisch doppeldeutig.

Die Sexualität entwickelte sich zugleich zu einem Feld, auf dem das Patriarchat an der Wurzel auszureißen war, und zu einer Drehscheibe einer großen Bandbreite von Konsumpraktiken. Diese unterschiedlichen sozialen Kräfte veränderten den Ort der Sexualität in Verwandtschaft, Ehe und den grundsätzlichen Konzeptionen des Selbst. Die erste bedeutende Auswirkung der sexuellen Revolution war ihre radikale Umstellung auf Immanenz. Sie befreite die Sexualität vom Verwandtschaftssystem und von der Kosmologie, die sie an die Religion gebunden hatten. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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