Die Psychologin Susan David sagt: „Unwohlsein ist der Eintrittspreis für ein bedeutungsvolles Leben.“ Um diese Aussage und die dahinterstehende Biologie besser nachvollziehen zu können, lohnst sich für Maren Urner ein Blick auf die „Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen“: die Angst. Warum haben wir Angst? Maren Urner meint nicht die Angst, dass die Frisur nicht richtig sitzt oder ob man im richtigen Moment das Falsche sagt. Sondern existenzielle Angst. Eine Angst, die zur Panik führen kann. Die einem die Kontrolle über den eigenen Körper entzieht. Evolutionsbiologisch gefragt: Warum hat sich Angst als Verhalten durchgesetzt? Das ist nur möglich, wenn ihr eine nützliche – im Sinne von überlebensförderliche – Aufgabe zukommt. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Psychologie
Kritik darf nie den Wert einer Person selbst in Mitleidenschaft ziehen
Helga Kernstock-Redl weiß nicht, ob Schuldgefühle ein Erkennungsmerkmal von „guten“ Menschen ist. Doch mit Sicherheit machen sie deutlich: Da folgt jemand persönlichen moralischen Gesetzen oder sozialen Spielregeln. Grundsätzlich ist es wichtig, schon Kindern entspannt und doch ernsthaft vorzuleben, dass es richtig ist, echte Schuld zu übernehmen und dass man die unangenehmen Schuldgefühle aktiv wieder loswerden kann. Im Alltag gelingt das, wenn sich Kritik immer nur auf ein Verhalten richtet und nie den Wert der Person selbst in Mitleidenschaft zieht. Auch unter Erwachsenen soll sich bitte niemand vor existenzieller Vernichtung oder vor Beschämung nach Fehlern oder Gesetzesbrüchen fürchten müssen, bei aller, vielleicht gerechtfertigten Strafe, Kritik oder Beschuldigung. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Einsamkeit kann das Risiko psychischer Leiden dramatisch erhöhen
Den sozialen Hunger zu spüren, der Einsamkeit ausmacht, ist an sich ebenso wenig ein Krankheitssymptom wie physisch Hunger zu verspüren, weil man nichts gegessen hat. Lars Svendsen ergänzt: „Jedoch kann sich die Einsamkeit in einer Weise entwickeln, dass das Risiko für psychische wie auch physische Leiden dramatisch erhöht wird. Einsame haben einen höheren Verbrauch an Gesundheitsdienstleistungen als Nicht-Einsame.“ Studien zeigen, dass Einsamkeit ein starker Prädikator für Mortalität war, selbst wenn man sich aus methodologischen Gründen entschieden hatte, durch Selbstmord verursachte Todesfälle dabei außer Acht zu lassen. Die Wirkung kann mit dem täglichen Rauchen von 10 bis 15 Zigaretten verglichen werden und ist stärker als der Effekt von Fettleibigkeit und physischer Inaktivität. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Der Umgang mit manischen Patienten immer eine Gratwanderung
Manfred Lütz weiß: „Der Umgang mit Manikern setzt viel menschliches Fingerspitzengefühl voraus. Einerseits können Maniker hinreißend witzig sein, und dann verdienen sie das ehrliche Lachen des zuhörenden Therapeuten. Andererseits muss man sich vor Augen halten, dass sich ein Mensch hier oftmals bis über die Grenze der Peinlichkeit exhibitioniert.“ Später wird er sich an all das erinnern, auch gegebenenfalls an das hämische Lachen des ungehobelten Behandlers. So ist der Umgang mit manischen Patienten immer eine Gratwanderung, bei der man versucht, eine wertschätzende Beziehung zum Patienten zu halten und zugleich die Würde des Patienten zu achten. Da ist dann die Bereitschaft zum Kompromiss gefragt. Manfred Lütz hat Medizin, Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor zahlreicher Bestseller.
Ohne Aggression lässt sich schlicht nicht streiten
Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer streitet, darf nicht von vornherein an sich beziehungsweise der eigenen Sichtweise zweifeln, nicht etwaige Gegeneinwände immer schon mitbedenken, nicht insgeheim glauben, dass der andere vielleicht doch im Recht sein könnte.“ Vielmehr ist die notwendige Voraussetzung eines Streits eine affektive Unmittelbarkeit, die Zweifel überhaupt nicht aufkommen lässt. Der Affekt ist es, der einen Menschen in die Lage versetzt, die eigene Gewissheit in einem bestimmten Augenblick gegen eine andere entschieden in Stellung zu bringen. Anders gesagt: Was man braucht, um zu streiten, ist die nötige aggressive Energie. Verstanden in dem Sinne, wie die Psychoanalyse sie deutet: Nämlich als eine affektive Kraft, die zunächst einmal weder gut noch schlecht ist, sondern gebraucht wird, um sich zu behaupten. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Angst und Depressionen nehmen bei Jugendlichen stark zu
Jonathan Haidt stellt fest: „Der Anstieg von Angst und Depressionen bei Heranwachsenden lässt sich auf kein wirtschaftliches Ereignis und keinen politischen Trend zurückführen, das oder mir bekannt wäre. Zudem ist kaum einzusehen, warum eine Wirtschaftskrise Mädchen stärker treffen sollte als Jungen und Mädchen unter dreizehn stärker als irgendjemanden sonst.“ Eine andere oft gehörte Erklärung ist, die Generation Z sei deshalb so ängstlich und depressiv, weil sie sich wegen des Klimawandels sorgen, der ihr Leben stärker beeinflussen wird als das der älteren Generationen. Jonathan Haidt bestreitet nicht, dass sie sich zu Recht sorgen, doch er möchte darauf hinweisen, dass die einer Nation oder einer Generation drohenden Gefahren historisch gesehen nicht zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Politisch geschulte Redner setzen am Gefühl an
Hans-Otto Thomashoff schreibt: „Politisch geschulte Redner setzen am Gefühl an und suggerieren uns, dass sie einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte haben. Durchschauen wir ihre Strategie nicht, dann unterliegen wir dem regressiven Sog und vertrauen ihnen aus dem Bauch heraus.“ Doch nicht nur das. Zugleich prägt sich uns besonders gut ein, was sie sagen. Denn Gefühle heben das Wesentliche hervor. Sie sind das Schmieröl für das Lernen, weil sich in der Evolution bewährt hat, sich besonders gut einzuprägen, was intensiv gefühlsbesetzt ist – Gefahr oder die Aussicht auf eine besondere Belohnung wie gutes Essen oder Sex. Wahlkampfreden von Politikern, besonders vom Rand des politischen Spektrum, sind ein offenes Buch über Manipulationstechniken. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Bei einer Scheidung sind Verletzungen und Kränkungen wahrscheinlich
Jede Scheidung verläuft mit großen Belastungen für die Betroffenen, unter welchen die gegenseitigen Verletzungen und Kränkungen wahrscheinlich die gravierendsten sind. Reinhard Haller weiß: „Noch schwerer als der ohnehin mit viel Ärger und Stress verbundene formale Scheidungsprozess sind die emotionale Trennung, die oft sehr feindselige Distanzierung vom Partner und der Neuanfang zu bewältigen.“ Die psychosozialen Wissenschaften, die sich angesichts des epidemieartigen Anstiegs von Partnerschaftstrennungen und Scheidungen vermehrt mit den gesundheitlichen Problemen der Betroffenen befassen, unterscheiden im Trennungsprozess drei Phasen. Erstens die desillusionierende, durch viele Auseinandersetzungen und Kränkungen belastete Entscheidungsphase, in der es zur Zerrüttung der Ehe kommt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis
Michaela Brohm-Badry schreibt: „Die Überbrückung der Einsamkeit, die Verbundenheit mit einzelnen Menschen oder auch großen Gruppen ist, was tiefe menschliche Beziehungen ausmacht. Bezüglich aller drei Grundbedürfnisse, also dem nach Autonomie, Kompetenzerleben und Verbundenheit, können wir festhalten, dass, wenn diese befriedigt werden, die Energie, sich zu entfalten, wächst.“ Aus philosophischer Sicht geht es dabei um eine selbstbestimmtes Leben. Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis. Menschen wollen wachsen. Nun stellt sich aber dann die Frage, wohin? In welche Richtung? Auf der Grundlage der humanistischen Philosophie und Psychologie sowie der Motivationspsychologie kommen wir zu ähnlichen Lebenszielen, die es lohnt, anzusteuern. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Ein Streit ist nie frei von Herrschaft
Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Die Hände liegen nicht ruhig auf dem Tisch, sondern sind Teil des Gefechts, verleihen den emotional vorgebrachten Worten zusätzlich Kraft. Kurzum: Ein Streit ist nie frei von Herrschaft.“ Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaft streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Jürgen Habermas geht davon aus, dass wir, wenn die idealen Bedingungen eines herrschaftsfreien Diskurses gegeben sind, qua Vernunft erkennen, dass wir bestimmte Werte und Normen teilen und so zu einem Konsens finden. Doch wie sich an gegenwärtigen Großkrisen zeigt, ist das längst nicht immer der Fall. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
An der Theorie der Lerntypen ist erschrecken wenig dran
Die Theorie der Lerntypen erfreute sich großer Beliebtheit. Eltern waren begeistert, dass ihre Kinder in ihrer Individualität anerkannt wurden, Lehrkräfte genossen die Freiheit, ihre Methoden zu variieren und ihr Material persönlich abzustimmen. Adam Grant weiß: „Lernstile gehören heute fest zur Lehrerausbildung und zum Schülerleben dazu. Weltweit glauben 89 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihren Unterricht an die Lernstile der Schüler anpassen sollten.“ Da wäre nur ein klitzekleines Problem: An den Lerntypen ist nichts dran. Als ein Expertenteam eine umfassende Überprüfung jahrzehntelanger Forschungsarbeit über Lernstile vornahm, fanden sie erschreckend wenig, was diese Theorie stützte. „Die Faktenlage rechtfertigt nicht die Einbeziehung von Lerntypeneinschätzungen in die allgemeine pädagogische Praxis“, schlussfolgerten die Forschenden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Jeder Mensch braucht Anerkennung
Die verschiedensten Fähigkeiten, die ein Mensch besitzt, gehen auf ein grundlegende Befähigung zurück: die Fähigkeit, zu verstehen, was ein anderer Mensch erlebt. David Brooks erläutert: „Es ist eine ganz bestimmte Fähigkeit, die das Herzstück aller gesunden Menschen, Familien, Schulen, Gemeinschaften oder Gesellschaften bildet: die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich zu sehen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er gesehen wird – einen anderen Menschen grundlegend zu erkennen und ihm das Gefühl zu vermitteln, wertgeschätzt, gehört und verstanden zu werden.“ Genau das bildet den Kern eines guten Menschen und ist gleichzeitig das größte Geschenk, das man anderen und sich selbst machen kann. Denn der Mensch braucht Anerkennung so dringend wie Nahrung und Wasser. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Bei einer Diskussion sollte der Fokus auf dem Verstehen und Lernen liegen
Wenn man in einer Debatte an seine Grenzen stößt, braucht man das Reden dennoch nicht vollkommen einzustellen. „Einigen wir uns also darauf, dass wir uns uneinig sind“, sollte eine Diskussion nicht beenden. Adam Grant rät: „Vielmehr sollten wir eine neue Unterhaltung beginnen, bei der der Fokus auf dem Verstehen und Lernen statt auf dem Argumentieren und Überzeugen liegt.“ Im Wissenschaftlermodus würden wir Folgendes tun: vorausschauen und fragen, wie wir die Debatte effektiver hätten führen können. Das hilft uns vielleicht, dieselben Argumente einer anderen Person auf bessere Art und Weise vorzutragen – oder derselben Person an einem anderen Tag andere Argumente zu liefern. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Das Alimalische des Menschen geht in der Zivilisation verloren
Wolfgang Schmidbauer schreibt: „Das Animalische fundiert zwar unser Leben, aber in der Zivilisation gelingt es oft nicht mehr, diese Grundlage ernst zu nehmen und zu festigen. Erst wenn wir sie verloren haben, erschrecken wir.“ Ein Tier erlebt eine konstante Welt, in der die Grenzen der Fürsorge instinktiv und emotional gezogen wird. Der Mensch dagegen betritt das gefährliche Gebiet des Richtigen, des Rechtmachens, des Perfektionismus. Zum Beispiel will eine Bäuerin eine gute Mutter sein, indem sie ihrem Kind ein Leben als Akademikerin ermöglicht. Dabei ahnt sie allerdings nicht, wie schwer es ihre Tochter als Aufsteigerin aus einer bildungsfernen Schicht haben wird, sich in der Stadt zurechtzufinden und ihre Liebesbeziehungen selbstbewusst zu gestalten. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.
Formen der Realitätsverweigerung erlebt man täglich
„Das Richtige wissen und es nicht tun ist Mangel an Mut“, soll Konfuzius gesagt haben. Milde Formen der Realitätsverweigerung erleben wir täglich. Stefan Klein nennt Beispiele: „Hier eine Bekannte, die ihren aufreibenden und dabei unbefriedigenden Job schon seit Jahren erträgt, obwohl es ihr an besseren Alternativen nicht mangelt, dort der Freund, der sich in seiner Beziehung demütigen lässt, weil er immer noch hofft, dass irgendwann die alten Tage des Verliebtseins zurückkehren könnten.“ Und wer hat sich selbst noch nicht dabei ertappt, dass man bestens begründete Empfehlungen, sein Leben zu ändern, in den Wind schlägt? Man weiß beispielsweise ganz genau, was geschieht, wenn man nicht endlich beginnt, sich mehr zu bewegen oder weniger Alkohol zu konsumieren. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Schlechte Nachrichten und fake news schwächen das mentale Immunsystem
Volker Busch schreibt: „Unser mentales Immunsystem kämpft heutzutage gegen eine Reihe verschiedener schädlicher Umwelteinflüsse und Krankmacher, die es fortwährend herausfordern: Schlechte Nachrichten und fake news befallen uns wie virale Erreger. Sie stecken uns mit negativen Gefühlen an und infizieren unsere Gedanken.“ Manche Ängste breiten sich wie Infektionen aus und machen uns krank. Die Reiz- und Informationsflut entzündet uns, macht uns dünnhäutig und überempfindlich. Wir reagieren verunsichert und angespannt. Viele dieser Einflüsse wirken deswegen besonders stark, weil die Auseinandersetzung mit diesen Krankmachern erstmalig erfolgt oder in der Intensität und Frequenz neu ist. So reagiert unser mentales Immunsystem auf viele der derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen gleichsam allergisch, weil wir oft kaum gelernt haben, mit Ungewissheit und Unsicherheit umzugehen. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.
Svenja Flaßpöhler erklärt das Phänomen der Hochsensibilität
„Ich sehe was, was du nicht siehst,“ so heißt das berühmte Kinderspiel, bei dem man sich wechselseitig zu verstärkter Aufmerksamkeit herausfordert und die blinden Flecken des anderen aufdeckt. Svenja Flasspöhler fügt hinzu: „Es ist dieses Spiel, das Betroffene und Nicht-Betroffene miteinander einüben sollten, anstatt sich in ihren Perspektiven zu verkapseln.“ Ich sehe was, was du nicht siehst, beziehungsweise: Ich fühle was, was du nicht fühlst: Nur so entdeckt man die unscheinbarsten Details und betrachtet, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Welt mit anderen Augen. „Ich fühle was, was du nicht fühlst“: Das lässt sich indes auch begreifen im Sinne von: Ich fühle mehr. Intensiver. Feiner. Gemeint ist das Phänomen der Hochsensibilität. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Auf dem Psycho-Markt lässt sich hervorragend Geld verdienen
Diana Pflichthofer stellt fest: „Gegenwärtig kann man der Psyche und Psychischen kaum noch entkommen. Überall scheint gecoacht oder therapiert zu werden, man ist achtsam, auf der Suche nach dem „inneren Kind“, auf der Suche nach seinem ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom –, neuerdings auch nach seinem Autismus – vom Asperger-Typ, versteht sich.“ Ansonsten bleibt vielleicht noch die Hypersensibilität. Es gibt neuerdings „toxische Beziehungen“, jede Menge „Trigger“, Mental-Health-Coaches, Narzissten und Neurodiverse. Bei dem reichhaltigen Angebot dürfte eigentlich für fast jeden eine passende oder passend zu machende psychische Diagnose dabei sein. In jedem Falle lässt sich damit hervorragend Geld verdienen. Das gehört zu den Gesetzen des Marktes: Schaffe Bedürfnisse, damit du sie befriedigen kannst. Schaffe Erkrankungen, damit du „Therapien“ anbieten kannst. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Eine besondere Herausforderung stellen cholerische Chefs dar
Der „Allerwelts-Choleriker“, der spontan, unbeherrscht und jähzornig seine jeweils aktuelle Befindlichkeit auslebt, muss nicht zwingend schon die definierten Grenzen einer Persönlichkeitsstörung überschreiten. Heidi Kastner erklärt: „Findet er im Privaten eine ausreichende Zahl gelassener Kommunikationspartner, die sich von den vulkanartigen Ausbrüchen nicht beirren lassen, ungerührt deren Ende abwarten und dann – „so ist er eben, aber er hat auch gute Seiten“ – wieder zu Tagesordnung übergehen.“ Und zeigt er im Berufsleben mehr Fähigkeit zur Selbstkontrolle und findet einen Chef, der wegen seiner positiven Eigenschaften die vereinzelten Gewitter toleriert, so muss eine cholerische Disposition nicht unbedingt zu dauernden Konflikten und Leidenszuständen führen. Eine besondere Herausforderung stellen cholerische Chefs dar: Nicht jedem ist es gegeben, derartige Eruptionen ungerührt vorbeiziehen zu lassen, obwohl das wohl das probateste Mittel wäre, damit umzugehen. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
Anna Katharina Schaffner betrachtet Erschöpfung als zeitloses Phänomen
Erschöpfung ist ein allgegenwärtiges und zeitloses Phänomen. Anna Katherina Schaffner nennt Beispiele: „Es steht im Zentrum einer ganzen Palette von vergangenen und gegenwärtigen Müdigkeitssyndromen, zu denen neben Burnout auch Melancholie, Trägheit – Acedia –, Neurasthenie und Depression zählen.“ Zu allen Zeiten haben Schreibende und Denkende ihre Erschöpfung beklagt und mit einer gewissen Wehmut auf vergangene Zeiten zurückgeblickt, die sie als weniger anstrengend empfanden. Reflexionen zur Begrenztheit unserer Kraft sowie über mögliche innere wie äußere Gründe für das Schwinden können bis in alte China zurückverfolgt werden. Der Kritiker Frank Kermode schreibt: „Unsere eigene Krise kommt uns herausragend vor, wir finden sie besorgniserregender und interessanter als andere Krisen. […] Es ist allgemein üblich, die jeweilige historische Situation als besonders dramatisch und außergewöhnlich anzusehen, als einen Wendepunkt im Lauf der Zeiten.“ Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Moderne Hellseher setzen subtile psychologische Manipulationen ein
Kit Yates weiß: „Die subtilen psychologischen Manipulationen, die moderne Hellseher und Wahrsagerinnen benutzen, um ihre Opfer zu umgarnen, sind dieselben Tricks, die Orakeldeuter und Seher überall auf der Welt schon früher benutzt haben.“ Als der lydische König Krösus das Orakel von Delphi befragte, ob er sich gegen die wachsende Macht des Persischen Reichs in seinem Geburtsland Anatolien zur Wehr setzen solle, erhielt er die Antwort: „Wenn du den Fluss überquerst, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Da er die Prophezeiung als gutes Omen ansah, begann er 547 v. Chr. einen Feldzug gegen die Perser, und ein großes Reich wurde zerstört – sein eigenes. Kit Yates lehrt an der Fakultät für mathematische Wissenschaften und is Co-Direktor des Zentrums für mathematische Biologie der University of Bath.
Das Smartphone veränderte jedes Leben
Jonathan Haidt stellt fest: „Das Smartphone, das 2007 auf den Markt kam, veränderte unser aller Leben. Wie zuvor Radio und Fernsehen eroberte es die Nation und die Welt im Sturm.“ Die Internet-Ära kam in zwei Wellen. In den 1990er-Jahren stieg sowohl die Zahl der PCs als auch die Zahl der Internetanschlüsse – damals noch mit Modem – stark an; ab 2001 waren die meisten Haushalte damit ausgestattet. Im Lauf des folgenden Jahrzehnt verschlechterte sich die psychische Gesundheit von Teenagern nicht. Teenager der Millennium-Generation, in diese ersten Welle spielend aufwuchsen, waren im Schnitt etwas glücklicher, als es Teenager der Generation X gewesen waren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Rache ist die letzte Zuflucht der Hilflosen
Reinhard Haller schreibt: „Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Rache zumindest im Augenblick guttut. Allerdings kommen rasch Zweifel auf, ob dieses als positiv erlebte Gefühl der Genugtuung von Dauer ist, ob die eigene Welt durch die Rache tatsächlich wieder kontrollierbarer ist und ob das Selbstwertgefühl anhaltend gestärkt werden konnte.“ Für Rachegedanken muss man sich immer gleichsam auch vor den eigenen Gefühlen rechtfertigen, das sie ja immer destruktive Gefühle beinhalten, auf die Schädigung eines Mitmenschen abzielen und möglicherweise auch bezüglich des eigenen Gerechtigkeitsgefühls zweifelhaft bleiben. Der innere Kampf um all jenes, was den moralischen Ansprüchen genügt und über die reine Befriedigung aggressiver Begierden hinausgeht, zeigt die ganze Ambivalenz unseres Umgangs mit der Rache. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Menschen verfügen über drei Vertrauensressourcen
Gerald Hüther weiß: „Wir Menschen verfügen über drei Vertrauensressourcen, die uns in schwierigen Situationen helfen, wieder einen kühlen Kopf zu bekommen, also den mit einer um sich greifenden Inkohärenz verbundenen enormen Energieverrauch im Gehirn wieder zu verringern.“ Bildlich vorstellen kann man sie sich als eine dreibeinigen Hocker. Wenn da ein Bein fehlt, fällt er zusammen mit dem, der darauf sitzt, sehr leicht um. Das erste Bein ist das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen. Wenn einem Menschen angesichts einer Bedrohung einfällt, dass er ja schon ähnliche Situationen ganz gut meistern konnte, dann macht er das, was ihm auch damals schon geholfen hatte. Und wenn es so funktioniert, verschwindet die Angst. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Ständige Grübelei verursacht Stress
Judith Werner schreibt: „Denken kann wehtun. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, in einer Schleife festzustecken und die gleichen Gedanken und Sorgen immer wieder hochkommen. „Rumination“ nennen das die Fachleute. Ein Begriff, der eigentlich aus der Zoologie stammt und den Vorgang des Wiederkäuens bei Kühen beschreibt.“ Wer konstant seinen Gedanken nachhängt – zumal, wenn es sich um Sorgen und Ängste handelt – verbraucht jede Menge Energie. Die fehlt dann an anderer Stelle, vor allem, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. „Overthinking“ macht mürbe und ist kein erstrebenswerter Zustand. Der Alltag ist von kleinen und großen Entscheidungen geprägt und wenn man dabei von der eigenen Grübelei ausgebremst wird, ist Stress vorprogrammiert. Kein Wunder also, dass Google beim Suchbegriff Overthinking jede Menge Tipps und Tricks ausspuckt, die Abhilfe schaffen sollen. Dr. Judith Werner ist Publizistin und Philosophin.