Misshandelnden Eltern fehlt es an Erziehungskompetenz

Misshandlungen von Kindern kommen in unterschiedlichsten Formen vor, und der Übergang zu „grobem Verhalten“ ist fließend. Ähnlich gravierend wie die Misshandlung kann die Vernachlässigung eines Kindes sein – bezüglich Ernährung, Pflege, Schutz, Zuwendung etc. Wenn man von einer Kindesmisshandlung hört, kommt fast von selbst die Frage auf: Was sind das für Eltern, die so etwas tun? Das heißt: Man sucht eine Erklärung des Problems in der Person der Täter. Hans-Peter Nolting erklärt: „Tatsächlich kann man dabei auf typische Merkmale stoßen. Häufig stellt man fest, dass es den misshandelnden Eltern bzw. Betreuungspersonen an Erziehungskompetenz mangelt.“ Sie wissen zum Beispiel nicht, wie sie mit einem schreienden Baby oder einem trotzigen Kind umgehen könnten. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Eine Missdeutung des kindlichen Verhaltens kann ein eine Misshandlung münden

In schwierigen Situationen wie diesen fühlen sie sich überfordert und hilflos, sie werden wütend, und Gewalt ist die einzige „Lösung“, die sie kennen. Für einen solchen Mangel an Kompetenz spricht vor allem die Tatsache, dass Mütter unter 20 Jahren deutlich häufiger misshandeln als ältere Mütter. Hinzu kommt in vielen Fällen, dass sich die misshandelnde Person ohnehin durch aggressive Neigungen, zumindest durch aggressionsrelevante Merkmale wie Reizbarkeit und mangelnde Selbstkontrolle auszeichnet.

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Ein wichtiger Faktor ist auch die Tendenz, dem Kind böse Absichten zu unterstellen. Wenn es sich beispielsweise in die Hose macht, glauben misshandelnde Mütter weit häufiger als andere Mütter, dass das Kind sie ärgern will, und ähnlich fassen sie andere als „nervig“ empfundene Verhaltensweisen des Kindes auf. Hans-Peter Nolting erläutert: „Sie verstehen nicht, dass ein kleines Kind sein Befinden noch nicht anders ausdrücken oder sich noch nicht kontrollieren kann; vielmehr empfinden sie das kindliche Verhalten als Angriff und persönliche Ablehnung. So kann eine Missdeutung schließlich in eine Misshandlung münden.

Gewalt gegen Kinder und Gewalt in der Paarbeziehung hängen eng zusammen

Häufig ist bei misshandelnden Müttern und Vätern hohe Aggressivität zusätzlich mit Problemen wie Alkoholismus, Drogensucht oder Depressionen verbunden. All dies untergräbt ihre Fähigkeit, mit den Anforderungen, die durch ein kleines Kind entstehen, fertigzuwerden. Zu ihrem Entwicklungshintergrund gehört zudem in vielen Fällen, dass sie selbst als Kind in der Familie Gewalt erlebt und als Methode der Erziehung zu akzeptieren gelernt haben. Überdies ist Gewalt in der Partnerschaft oftmals Teil der Vorgeschichte sowie der momentanen Lebenssituation von Misshandelnden.

Hans-Peter Nolting betont: „Gewalt gegen Kinder und Gewalt in der Paarbeziehung hängen mithin eng zusammen.“ Um Misshandlungen zu erklären, sollte sich der Blick aber nicht nur auf die Täter richten, sondern auch auf die Opfer. Misshandelte Kinder sind oftmals „schwierig“ in dem Sinne, dass sie viel schreien, rebellieren oder in anderer Weise Nerven und Geduld der Erziehenden strapazieren. Teilweise hat das mit dem Alter zu tun, denn Babys und Kleinkinder werden häufiger misshandelt als Schulkinder. Überdurchschnittlich gefährdet sind weiterhin Kinder mit Behinderungen sowie Kinder, die im ersten Lebensjahr häufig erkranken. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies