Ned O’ Gorman fordert ein Mehr an Politik

Ned O’ Gorman kritisiert politische Kurzsichtigkeit, Malaise und Missgunst. In seinem Buch „Politik für alle“ plädiert er nicht für ein Weniger, sondern für ein Mehr an Politik. Und er fordert, die Politik ernster zu nehmen, statt sie abzuschreiben und ihr eine wohlüberlegte Chance zu geben. Zu diesem Zweck untersucht Ned O’ Gorman das Werk einer der prononciertesten Fürsprecherin der Politik im 20. Jahrhundert: Hannah Arendt (1906 – 1975). Die in Deutschland geborene Jüdin floh in den 1930er-Jahren vor den Nazis und ließ sich in den Vereinigten Staaten nieder. Von nun an arbeitete sie dreißig Jahre lang an „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, einer scharfen Analyse des Totalitarismus. Sie schrieb zudem viele andere Bücher und Artikel, deren Themen von der Revolution bis zur Verantwortung des Menschen für den Erhalt der Welt reichten. Ned O’ Gorman ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of Illinois.

Hannah Arendt spricht von der „Banalität des Bösen“

Eine Reihe von Artikel erschienen zuerst im „New Yorker“ und später unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem“. Darin machte sie Adolf Eichmann, einen der Verwalter des Holocaust, zum Paradebeispiel der „Banalität des Bösen“. Damit wurde sie zu einer der umstrittensten Autorinnen ihrer Zeit, da viele Kritiker diese Formulierung mit „uninteressant“ oder „langweilig“ gleichsetzten. Hannah Arendts berüchtigte Wendung von der „Banalität des Bösen“ sollte jedoch im Gegenteil bezeichnen, wie das Böse oft von Menschen verübt wird, deren größte Sünde in Gedankenlosigkeit besteht.

Genau wie viele weniger spektakuläre Formen menschlicher Grausamkeit wurden auch die Massaker und Genozide im 20. Jahrhundert Hannah Arendt zufolge von Menschen ausgeübt, die eher gedankenlos als teuflisch waren. Sie folgten entweder einem Gruppendenken oder verschrieben sich unreflektiert der Pflichterfüllung, Loyalität oder Gehorsamkeit. Hannah Arendt betonte stets, dass „Gedankenlosigkeit“ nichts mit Intelligenz zu tun habe. Vielmehr sei jeder dafür anfällig, denn jeder könne das Denken einstellen.

Politische Lösungen stellen sich nie automatisch ein

Hannah Arendt schreibt: „Das Denken […] ist kein Vorrecht der Wenigen, sondern eine immerfort gegebene Fähigkeit von jedermann. Gleichermaßen ist die Unfähigkeit zu denken nicht das „Vorrecht“ von jenen vielen, denen es an geistiger Kraft fehlt, sondern die immerfort gegebene Möglichkeit für jedermann – die Wissenschaftler, Gelehrten und anderen Spezialisten in den Geistesfabriken nicht ausgeschlossen […].“ Politik ist für Hannah Arendt nicht die letztgültige Lösung für das gedankenlose Böse.

Doch die Politik war für sie ein wichtiges Gegenmittel, aus dem einfachen Grund, weil sie Menschen dazu aufruft, mit anderen, die sich von einem selbst unterscheiden, zu reden und potentiell nachzudenken. Hannah Arendt zufolge stellen sich politische Lösungen nie automatisch ein, sie sind nie bloß regelkonform oder das Ergebnis von purem Gehorsam. Sie entstehen immer unter der Berücksichtigung der Perspektiven, Stimmen und Bedenken anderer und münden eher in Urteilen und Taten als in gedankenlosen Vorurteilen oder instinktiven Reaktionen. Quelle: „Politik für alle“ von Ned O’ Gorman

Von Hans Klumbies