Der Kampf um die Wortmacht hat begonnen

Ohne dass viele Menschen es überhaupt bemerken, stecken sie mitten in einem großen Kampf. Dabei geht es um die Form, die Bedingungen und die Grenzen der globalen Redefreiheit. Sowohl in den Smartphones in ihren Taschen und vielleicht auch in ihren Köpfen. Timothy Garton Ash nennt dieses Ringen den Kampf um die Wortmacht. Wie das Wort „Rede“ in „Redefreiheit“ schließt der Begriff „Wort“ in „Wortmacht“ offensichtlich viel mehr mit ein als nur Worte. Timothy Garton Ash erklärt: „Er umfasst auch Bilder, Töne, Symbole, Informationen und Wissen sowie Kommunikationsstrukturen und Kommunikationsnetze.“ Der spanische Soziologe Manuel Castells spricht von der „Kommunikationsmacht“. Aber Timothy Garton Ash ist das kurze Wort lieber als das lange, besonders weil ohnehin jede Bezeichnung nur einen Teil des Ganzen erfasst. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

Es gibt drei Dimensionen der Macht

Das Wesen der Macht, von der Timothy Garton Ash spricht, ist kompliziert. Eine der einfachsten Definition von Macht ist die Fähigkeit zu bekommen, was man will. Das führt wiederum zu der Frage, wer was wie wo und wann bekommt. Der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye und der britische Soziologe Steven Lukes haben drei Dimensionen von Macht identifiziert. Die erste und offensichtlichste besteht darin, dass man jemanden dazu bringen kann, etwas zu tun, was er ursprünglich nicht tun wollte. Man lässt ihn etwas tun.

Die zweite besteht darin, dass man eine Agenda bestimmen kann. Also die Macht hat, „zu entscheiden, was entschieden wird“, wie Steven Lukes es formuliert. Die dritte und subtilste Dimension besteht in der Fähigkeit, das ursprüngliche Wollen der Menschen zu beeinflussen. Sie merken dann nicht einmal, dass ihre Entscheidungen auf der Machtausübung Dritter beruhen. Viele Beobachter würden die Wortmacht intuitiv dem Bereich der „Soft Power“ zuordnen. Aber Joseph Nye vertritt zu Recht die Ansicht, dass man in allen drei Dimensionen sowohl harte als auch weiche Dimensionen findet. Vor allem, wenn es um die von ihm so genannte Cybermacht geht.

Software und Hardware regulieren den Cyberspace

Die Kontrolle von Wissen und Informationen ist eindeutig ein zentraler Bestandteil der zweiten und dritten Dimension der Macht. Francis Bacon machte die berühmte Beobachtung, dass Wissen Macht ist. Michel Foucault drehte diese Feststellung um und behauptete, dass die Macht „bestimmt, was als Wissen zählt“. Timothy Garten Ash ergänzt: „Angesichts der heute gut erforschten Formbarkeit des Gehirns geht der Einfluss der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und der Art, wie wir sie verwenden, womöglich sogar noch tiefer und verändert unsere Art, zu denken und zu fühlen.

Lawrence Lessing identifiziert vier Faktoren, die auf jeden gegebenen Punkt im globalen Informationssystem beschränkend wirken: das Recht, den Markt, die Normen und die Architektur des Internets. „Der Code ist das Gesetz“, sagte er und erklärte, dass „die Software und die Hardware [also der Code des Cyberspace], die den Cyberspace zu dem machen, was er ist, den Cyberspace in seiner aktuellen Gestalt regulieren“. Die internen, manchmal geheimen operativen Praktiken privater Supermächte haben unter Umständen mehr Einfluss als die Entscheidungen der Gesetzgeber und Regulatoren. Quelle: „Redefreiheit“ von Timothy Garton Ash

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.