Die deutsche Einheit war ein Glücksfall

In den 1990er Jahren wurden die Karten in Deutschland neu gemischt, und was dabei herauskam, verursachte Streit. Die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Marianne Birthler glaubte im Rückblick von dreißig Jahren, dass Ostdeutsche in der Bundesrepublik noch immer benachteiligt seien. Das lag ihrer Ansicht nach auch an deren Gutgläubigkeit und Ahnungslosigkeit. Beides sei ein großer Nachteil in der Umbruchszeit gewesen, denn: „Profitiert haben jene, die sich auskannten und in gesicherten Verhältnissen lebten. Und zehn Jahre später? Als die Ostler das System verstanden haben, war der Kuchen verteilt.“ Edgar Wolfrum weist darauf hin, dass der Philosoph Richard Schröder hingegen stets das Glück der deutschen Einheit betonte, gerade für die Ostdeutschen. Man dürfe sie nicht unter der Rubrik „Pleiten, Pech und Pannen“ abhandeln. Edgar Wolfrum ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg.

Es gab auch Kritik an der deutschen Wiedervereinigung

Richard Schröder vertritt die Ansicht, dass man ganz im Gegenteil die Erfolgsgeschichte der deutschen Wiedervereinigung herausstellen müsse. Unter ungewöhnlich günstigen Umständen sei den Deutschen mit der Einheit etwas Gutes gelungen. Für die einen war bereits zu einem guten Teil zusammengewachsen, was zusammengehörte, für die anderen lagen noch Welten zwischen West und Ost. Immer hing und hängt das Urteil über Erfolg oder Misserfolg der „inneren Einheit“ vom angelegten Maßstab ab.

Die Kritik an der Gestaltung des Einigungsprozesses war im Nachhinein vielfältig. Man hätte mehr aus der DDR übernehmen sollen, hieß es etwa. Schließlich monierten einige, dass das Rechtssystem und die Marktwirtschaft langsamer hätten vollzogen werden müssen. Das konfliktgeladene, von Fortschritten und Rückschlägen begleitete Zusammenwachsen war auch eine Generation später noch nicht abgeschlossen. Wie hätte es auch anders sein können. Denn die DDR und die Bundesrepublik waren fast ein halbes Jahrhundert lang getrennt.

Die Bürokratie lähmte die Wirtschaft in der DDR

Der nationalen Begeisterung und der euphorischen Freiheitsbewegung im Osten folgte zunächst die Vereinigungskrise. Doch je weiter die Bilanzen an die Gegenwart rückten, desto mehr zeigte sich, dass vieles geglückt war und die Gräben immer flacher wurden. Zu Beginn des Systemwechsels stellte die Wirtschaft der DDR ein rückständiges System dar. Dieses war gekennzeichnet durch fehlenden Wettbewerb sowie unzureichende und fehlgeleitete Einbindung in die internationalen Wirtschaftverflechtungen und Handelstrukturen.

Daneben lähmte eine enorme zentrale Bürokratie das Wirtschaftsleben in der DDR. Edgar Wolfrum stellt fest: „Die sektorale Struktur entsprach in etwa jener der BRD in den späten 1960er Jahren. Eine Konsequenz dieser Zustände war eine wesentlich geringere Produktivität im Vergleich zur alten BRD.“ Die Wirtschaft der DDR erreichte Ende der 1980er Jahre nur knapp 30 Prozent des westdeutschen Produktionsniveaus. Nachdem im Herbst 1989 der Gewinn der Freiheit im Mittelpunkt stand, war es nach dem Mauerfall die zügige Beteiligung am Wohlstand. Quelle: „Der Aufsteiger“ von Edgar Wolfrum

Von Hans Klumbies