Kriege führten früher nur Staaten

Es ist für Herfried Münkler nicht die Anzahl der Kriege, die sich in jüngster Zeit signifikant geändert hat, und es sind auch nicht die bloßen Zahlen der im Rahmen von Kriegshandlungen Getöteten und Verstümmelten, die zu gesteigerter Sorge Anlass geben. Vielmehr ist es die Art der Kriege, die größte Aufmerksamkeit fordert. Die neuen Kriege zeichnen sich dadurch aus, dass die Staaten nicht länger die Monopolisten des Krieges sind. Sondern substaatliche Akteure, Warlords, Netzwerkorganisationen und so weiter führen Kriege und bestimmen weitgehend die Rhythmik des Kriegsgeschehens. Dadurch ist die Politik der Kriegsvermeidung und Friedensicherung sehr viel schwieriger geworden, als dies in Zeiten der Fall war, da es sich bei Kriegen um eine wesentlich zwischenstaatliche Angelegenheit handelte. Prof. Dr. Herfried Münkler ist Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität in Berlin.

Die Definitionsmacht des Kriegsvölkerrechts ist erodiert

In den Zeiten der klassischen Kriege waren Krieg und Frieden klar voneinander getrennte, unterschiedliche Aggregatzustände des Politischen. Und die Übergänge von dem einen in den anderen Zustand waren in der Form von Kriegserklärung beziehungsweise Friedenschluss genau geregelt und juristisch gefasst. Die Menschen wussten, ob sie im Frieden lebten oder sich im Krieg befanden. Heute ist das schwieriger. Die der Thematik von Krieg und Frieden zugehörigen Sphären werden unübersichtlicher. Das hat zur Folge, dass die Interpretations- und Entscheidungsspielräume der Akteure größer werden.

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Durch die Ausweitung der Kriege auf nichtstaatliche Akteure ist ein gehöriges Maß an Willkür in einen zuvor stark reglementierten Bereich gekommen. Herfried Münkler ergänzt: „Dementsprechend erodiert die Definitionsmacht des klassischen Kriegsvölkerrechts.“ Es gibt offenbar Räume, in denen – aus welchen Gründen auch immer – die großen Fragen der politischen Ordnung mit bewaffneter Hand ausgefochten werden. Europa war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein solcher Raum, ergänzt durch Ostasien mit einer gewissen Zeitverschiebung von zwei bis drei Jahrzehnten.

Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918

Als historische Bezugspunkte in Ostasien nennt Herfried Münkler die japanische Intervention in der Mandschurei und das Ende des Vietnamkriegs. Seit einiger Zeit entwickelt sich der Nahe und der Mittlere Osten zu einem solchen neuen Sammelraum von Kriegen. In denen geht es nicht nur um ein paar bewaffnet durchgesetzte Grenzverschiebungen, sondern um grundsätzliche Fragen bei der Gestaltung der Weltordnung. Das heißt nicht, dass es nicht auch andernorts Kriege gäbe. Doch diese sind von nachrangiger Bedeutung für alle grundlegenden Fragen.

Der Große Krieg von 1914 bis 1918 hat, so Herfried Münklers These, eine politische Direktionsgewalt. Diese reicht bis weit ins 21. Jahrhundert hinein und wird die Europäer vermutlich auch in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen. Der Erste Weltkrieg war aus mindestens drei Teilkriegen zusammengesetzt. Der Krieg um die Hegemonie in Westeuropa wurde im Wesentlichen zwischen Deutschland und Frankreich ausgetragen. Um die Gestaltung einer neuen Weltordnung kämpfte Deutschland gegen Großbritannien. Beim dritten Teilkrieg handelte es sich um den Kampf um die politische Ordnung Mittel- und Osteuropas sowie des Nahen Ostens. Quelle: „Über Gott und die Welt“ von Konrad Paul Liessmann (Hrsg.)

Von Hans Klumbies