Der Rechtspositivismus ist dafür bekannt, auf der Trennung von Recht und Moral zu bestehen. Alexander Somek erklärt: „Diese Trennungsthese wird mitunter so dargestellt, als gebe es keine notwendige Beziehung zwischen Recht und Moral. Es sei zwar möglich, im Recht moralische Gehalte zu integrieren, dies müsse aber nicht sein, damit das Recht existieren könne.“ Die Charakterisierung des Rechtspositivismus mit dem Notwendigkeitsoperator ist unterdessen in Zweifel gezogen worden, weil es insofern selbstverständlich „notwendige“ Beziehungen von Recht und Moral gebe, als beide auf menschliches Verhalten abzielen. Aber das soll die Trennungsthese selbst nicht erschüttern. Wenn moralische Gehalte relevant sind, dann nur kontingenterweise. Was letztlich zählt, seien die sozialen Fakten. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Ein erneuerter Humanismus speist sich aus der Kraft des Wissens
Albert Wenger betont: „Ein entscheidendes Ziel bei der Verringerung der Aufmerksamkeitsknappheit ist die Verbesserung der Produktionsweise der „Wissensschleife“, die aus dem Erwerb, dem Entwickeln und dem Teilen von Wissen besteht. Für den menschlichen Fortschritt ist die Erlangung größeren Wissens unerlässlich.“ Die Geschichte der Menschheit ist übersät mit gescheiterten Zivilisationen, die nicht genügend Wissen hervorbringen konnten, um die ihnen gestellten Herausforderungen zu meistern. Um einen kollektiven Fortschritt durch größere individuelle Freiheiten zu erreichen, benötigen wir bestimmte Werte, welche die Schaffung von Wissen fördern. Dazu gehören kritische Nachforschung, Demokratie und Verantwortungsbewusstsein. Diese Werte stellen sicher, dass die Vorteile der Wissensschleife möglichst vielen Menschen zugutekommen und dabei auch andere Arten einschließen. Sie sind von zentraler Bedeutung für einen erneuerten Humanismus, der sich seinerseits aus der Kraft menschlichen Wissens speist. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.
Die KI ist die größte technische Revolution unserer Zeit
Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 04/2026 lautet: „KI und Ich“. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrem Editorial: „Nie und nimmer wird Künstliche Intelligenz (KI) ein adäquater Gesprächspartner sein können. Ihr fehlt die Leiblichkeit. Die Sinnlichkeit. Die Geschichte. All das braucht es aber, um ein Individuum zu sein, das eine Innenwelt besitzt. Deshalb kann ich Chatbots einfach nicht ernst nehmen, habe kein starkes Bedürfnis, mit ihnen in Kontakt zu treten.“ Dennoch hat sie beeindruckt, dass der renommierte australische Wissenschaftsphilosoph David Chalmers sein Sichtweise inzwischen verändert hat. War Chalmers lange davon ausgegangen, dass eine KI mit Bewusstsein eher unwahrscheinlich ist, hält er diese Möglichkeit inzwischen für realistisch. Es ist ein Fakt, dass die Künstliche Intelligenz immer tiefer in unser Leben eindringt. Manche Menschen unterhalten sogar Beziehungen zu Chatbots. Zudem suchen sie Rat in existenziellen Fragen.
Wissenschaft führt zu enormen Fortschritten
Für einen Wissenschaftler ist es ein fundamentaler Bestandteil seines Berufs, Dinge neu zu durchdenken. Er wird dafür bezahlt, sich ständig der Grenzen seiner Erkenntnis bewusst zu sein. Man erwartet von ihm, das anzuzweifeln, was er weiß, neugierig auf das zu sein, was er nicht weiß, und seine Ansichten auf der Basis neuer Daten zu aktualisieren. Adam Grant stellt fest: „Allein im letzten Jahrhundert hat die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien zu enormen Fortschritten geführt. Biowissenschaftler haben Penicillin entdeckt. Raketenwissenschaftler uns zum Mond geschickt. Computerwissenschaftler das Internet geschaffen.“ Wissenschaftler zu sein ist jedoch nicht einfach nur ein Beruf. Es ist eine Geisteshaltung – eine Denkweise, die sich vom Predigen, vom Anklagen und vom politischen Aktionismus unterscheiden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Jürgen Wertheimer stellt das Projekt der Renaissance vor
Das vitale Projekt der Renaissance probte erfolgreich den Aufstand gegen eine Domestizierung und entwarf des Konzept von Individuen, die über die göttlichen und menschlichen Gesetze hinauswuchsen. Später im nervösen 18./19. Jahrhundert wurden diese Entwürfe einmal mehr gebändigt. Jürgen Wertheimer erklärt: „Wie es eigentlich immer um diese Antinomie geht: Das Gesellschafts-Ich im weitesten Sinne steht in höchster Spannung zum Individual-Ich. Wobei manchmal die soziale Seite dominiert wie im Realismus, dann wieder das autonome Ich ins Zentrum tritt wie in der Décadence.“ Bis hin zum Akt des Sich-Ausklinkens aus jeder Form der Wertegemeinschaft, in Sonderheit der demokratischen als einer gleichmacherischen. Moral als sozialer Vampirismus und Décadence als praktizierte Menschenverachtung. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Oliver Rathkolb glaubte in einer politisch kontrollierbaren Welt zu leben
Als sich Oliver Rathkolb mit den ersten Plänen für sein Buch „Ökonomie der Angst“ trug, dachte er noch, dass wir im Vergleich zur Zeit vor 1914 in einer vernünftigen und politisch kontrollierbaren neuen Welt leben: „Sie schien sich trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/2008 in Richtung einer friedlichen und vielleicht auch sozial gerechteren Zukunft zu entwickeln. Zwar gab es Naturkatastrophen wie das verheerende Erdbeben in Haiti und folgenreiche Unglücksfälle wie die Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“, aber der Arabische Frühling scheint die Demokratie auch in den nordafrikanischen Raum zu verbreiten. Diktaturen wie jene in Tunesien wurden durch Massenproteste zerstört, die ab 2011 an Intensität zunahmen. Wir hatten alle das Gefühl, jetzt wird auch Nordafrika, getragen von einer jungen Generation, Teil einer globalen Demokratiebewegung. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Es herrscht eine Kluft zwischen Eigeninteressen und kollektiven Zielen
Ben Ansell fordert: „Wir alle mögen uns globalen Wohlstand wünschen, doch ihn zu bewahren, ist davon abhängig, dass wir die Zerstörung unseres Planeten stoppen oder zumindest massiv eindämmen.“ Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit, Wohlstand: Wunderbare Dinge. Ziele, auf die sich die meisten von uns vernünftiger Weise einigen können, selbst wenn wir über die Mittel streiten, wie sie erreicht werden sollen, oder idealerweise nur noch über die Feinheiten ihrer Ausgestaltung. Kollektive Ziele wie die genannten sollten erreichbar sein – und auch wenn wir sie nicht vollständig umsetzen können, sollten wir doch zumindest in der Lage sein, uns auf sie zuzubewegen. Was also hindert uns, fokussiert unsere Ziele anzusteuern? Und was gefährdet sie? Wir selbst. Oder vielmehr unsere Politik. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
Ein klassisches Kipppunkt-System entsteht in der Fischerei
Welche dramatischen Effekte die Überschreitung klimatischer Kipppunkte haben kann, zeigt die Erdgeschichte. Dirk Brockmann erklärt: „Aus Untersuchungen in ozeanischen Sedimentschichten weiß man, dass zu verschiedenen Zeitpunkten sogenannte anoxische Ereignisse stattgefunden haben. Binnen vergleichsweise kurzen Zeiträumen ist dabei die Sauerstoffkonzentration in den Ozeanen extrem stark abgesunken.“ In diesen Phasen gelangten aufgrund von starker Erosion oder vermehrten Vulkanausbrüchen Verwitterungsprodukte in die Ozeane. Sie wurden überdüngt. Gleichzeitig wurde die wichtige thermohaline Zirkulation unterbrochen. Wie die kleinen und großen Seen kippten die Ozeane dann praktisch gleichzeitig um. Es wird vermutet, dass dieser globale marine Kipppunkt schon mehrfach überschritten wurde und zum Teil zu marinen Massenaussterben geführt hat, von denen sich die Ozeane erst nach Hunderttausenden von Jahren wieder erholen konnten. Der Komplexitätswissenschaftler Dirk Brockmann ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität.
Unsere Erwartungen beeinflussen unsere Gesundheit und unser Glück
Es ist allein die Heilserwartung, die uns besser fühlen lässt. Man vermutet, dass dabei Aktivierungsfunktionen unseres Immunsystems eine Rolle spielen. Oder körpereigene Schmerzhemmer, die durch Erwartungskaskaden ausgelöst werden. Matthias Horx ergänzt: „Auch Nocebo-Effekte lassen sich so erklären: Wenn in Experimenten Patienten Pillen zur Verfügung gestellt werden, die starke Nebenwirkungen haben sollen – Übelkeit, Kopfweh, Schwindel, Ausschläge –, dann entwickeln die Probanden solche Symptome, auch wenn sich nur um Zuckerkügelchen handelt.“ In der sich selbsterfüllenden Prophezeiung wirkt die Erwartung auf uns selbst zurück. Die antizipierte Zukunft überschreibt den Gegenwartsstatus, sie „greift“ sozusagen von der Zukunft ins mentale Jetzt. Das erklärt den zähen Glauben an Homöopathie ebenso wie die enorme und bisweilen verstörende Wirksamkeit religiöser Weltbilder. Matthias Horx zählt zu den einflussreichsten Trend- und Zukunftsforschern des deutschsprachigen Raums.
Eva von Redecker legt eine Analyse des neuen Faschismus vor
Eva von Redecker legt in ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ eine Analyse des Faschismus vor, die unserer Zeit gewachsen ist. Es geht ihr dabei nicht darum, sich möglichst weit von den Feiden abzugrenzen, sondern darum, grundlegenden Widerstand gegen den heute um sich greifenden Drang nach Härte zu leisten, der sin in der entfesselten Verteidigung unbedingter Besitzanmaßungen zuspitzt. Erst, wenn wir seine veränderte Gestalt sprachlich greifen können, verstehen wir, wie der gegenwärtige Faschismus vorgeht – und können ihn wirksam bekämpfen. Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Sein Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe. Eva von Redecker ist Philosophin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich mit der Kritischen Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik.
Pornographie ist durch das Internet ständig verfügbar
Peter Trawny stellt fest: „Diejenigen, die schon auf der Welt waren, als es noch kein Internet gab, können sich daran erinnern, dass es noch einer gewissen peinlichen Aktivität bedurfte, um pornographische Bilder sehen zu können.“ Entweder man musste eines dieser etwa angeschimmelten Kinos aufsuchen, in denen weniger Männer sich in den Sitzreihen verteilten, um ihren dürftigen Genuss zu frönen, oder man kaufte sich am Kiosk ein Heft, das man einigermaßen verschämt bezahlte. Seit dem weltveränderten Auftauchen des Internets ist Pornographie absolut aller „Kategorien“, wie es heißt, ständig verfügbar. Was das bedeutet ist schwer zu sagen. Hat sich die Liebe durch die Anwesenheit pornographischer Bilder verändert? Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Reaktionäre träumen von einer homogenen Volksgemeinschaft
Etliche demokratische Demokratiekritiker setzen in diese Staatsform Erwartungen, die sie nicht einlösen kann – und die jede andere Staatsform erst recht enttäuschen würde. Roger de Weck erklärt: „Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie den Volkswillen überhöhen. Im Grund gibt es nur im Ausnahmefall einen kohärenten, konsistenten Volksillen und ebenso wenig jene homogene Volksgemeinschaft, von der die Reaktionäre träumen.“ Europäer leben im Paradox der Polarisierung einerseits, die ebendiese Rechtspopulisten betreiben, und der Differenzierung andererseits: Immer mehr Wähler sind keinen Lager zuzuordnen. Beispielsweise sind sie in der Gesellschaftspolitik „links“, in der Wirtschaftspolitik „liberal“ und vielleicht in der Europapolitik „rechts“. Der Volkswille, er kann zwiespältig sein, meistens ist er vielschichtig. Darum ist die Debatte vor einem Entscheid des Parlaments beziehungsweise der Wähler mindestens so wichtig wie der Entscheid selbst. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.
Europa strebte nach größerer Unabhängigkeit von den USA
Im Verlauf der 1970er-Jahre hatten die USA unter den Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter an politischem und wirtschaftlichen Gewicht in der Welt verloren. Das motivierte die europäischen Staaten nach größerer Unabhängigkeit von den USA zu streben. Thomas Mayer erklärt: „Das, und der Wunsch, ein politisch instabiles Italien, das großes Interesse am Kommunismus zeigte, fester in die europäischen Strukturen einzubinden, veranlassten die deutschen Kanzler Helmut Schmidt und den französischen Präsidenten Valéry Giscard d´Estaing zu einem erneuten Vorstoß in Richtung europäischer Währungsintegration.“ Auf der Grundlage eines Planes, den die Europäische Kommission unter Leitung von Roy Jenkins erarbeitet hatte, beschloss der Europäische Rat auf seiner Tagung in Bremen, ein Europäisches Währungssystem (EWS) zu schaffen, das offiziell im März 1979 in Kraft trat. Thomas Mayer ist promovierter Ökonom und ausgewiesener Finanzexperte. Seit 2014 ist er Leiter der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute.
Ein gutes moralisches Urteil zeugt von Unparteilichkeit
Zur boshaften Moral gehört aber auch das Gegenteil dessen, was ein gutes moralisches Urteil sein sollte, nämlich die Unparteilichkeit. Alexander Somek ergänzt: „Sie zieht den Verdacht der Parteilichkeit auf sich. Er begleitet sie wie ein Schatten. Diesem Verdacht lässt sich indes die Spitze nehmen, indem am die Unparteilichkeit nicht nur als illusionär, sondern als totalitär desavouiert.“ Das Ideal der Unparteilichkeit verlange doch, die Partikularität zu einer Einheit zusammenzuziehen und damit die Pluralität der moralischen Subjekte auf eine homogene Subjektivität zu reduzieren. Die daraus resultierende Einheit eines gesamtgesellschaftlichen Subjekts könne in Wahrheit nichts anderes sein als der Abdruck des Wissens und Wollens der dominierenden Gruppe. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Die Angst vor dem Tod wird von den meisten Menschen verdrängt
Tatsächlich sind gerade die Panikstörungen ein Hinweis darauf, dass die Angst vor dem Tod verdrängt wird. Heinz-Peter Röhr ergänzt: „Die plötzliche Todesangst, die gerade intensiv während des Anfalls erlebt wird, kann als deutlicher ernst zu nehmender Hinweis gesehen werden.“ Der moderne Mensch hat viele Methoden zur Verfügung, sich von dieser Urangst abzulenken, die jeweils doch nie perfekt funktionieren können: Konsum, Arbeit, Alkohol, Drogen, Hobbys, Reisen et. cetera. Der Mensch mit einer Panikstörung ist sozusagen der Symptomträger einer Gesellschaft, die mit allen Mitteln versucht, die Angst vor dem Tod zu verdrängen. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die Wurzel für die zunehmende Aggressivität in der westlichen Kultur hier ebenfalls zu suchen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Der Überwachungskapitalismus sammelt persönliche Daten
Google, Facebook und andere Plattformen sammeln Daten über ihre Nutzer und legen Profile an, die ihren Werbekunden ermöglichen, ihre Nutzer gezielt anzusprechen, die am ehesten geneigt sind, die Anzeige anzuklicken und schließlich einen Kauf zu tätigen. Gerd Gigerenzer erklärt: „Der Werbekunde bezahlt die Plattform für jeden Klick, Seitenaufruf oder Kaufabschluss eines Nutzers. Dieses Geschäftsmodell kann nur funktionieren, wenn man insgeheim in die Privatsphäre der Menschen eindringt, wobei dies umso besser gelingt, je rücksichtsloser das Eindringen ist.“ Anders als der Industriekapitalismus, der physische Güter herstellt und vertreibt, sammelt und analysiert der Überwachungskapitalismus persönliche Daten. Dabei müssen wir unbedingt verstehen, dass der Überwachungskapitalismus keine unvermeidliche Konsequenz einer smarten Welt ist. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Über die Wirtschaft kann man unterschiedlich nachdenken
Michael J. Sandel erläutert: „Der Kontrast zwischen der liberalen und der republikanischen Vorstellung von Freiheit legt zwei unterschiedliche Möglichkeiten nahe, über die Wirtschaft nachzudenken.“ Zwei Antworten auf die Frage: „Wozu ist die Wirtschaft da?“ Die liberale Antwort legte Adam Smith in „Der Wohlstand der Nationen“ vor, wo er schrieb, dass „Ziel und Zweck aller Produktion … der Verbrauch [ist].“ John Maynard Keynes wiederholte diese Antwort im 20. Jahrhundert: „Um noch einmal das Offensichtliche festzuhalten: allein Konsum ist Ziel und Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit.“ Dem würden die meisten zeitgenössischen Ökonomen zustimmen. Doch das, was John Maynard Keynes offensichtlich erschien, ist nicht die einzige Möglichkeit, den Zweck der Wirtschaft zu erfassen. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Burnout ist sowohl individuell als auch kulturell geprägt
Für den Autor Jonathan Malesic ist Burnout nicht so sehr ein individuellen Problem, sondern eher kulturell bedingt. Anna Katherina Schaffners Überzeugung nach, trifft beides zu: „Die Wurzeln unserer Erschöpfung sind oft in tiefliegenden kulturellen Überzeugungen verankert, die ihrerseits unsere individuellen Verhaltensweisen prägen.“ Die heilende Kraft philosophischer Reflexionen und historisch-soziologischer Einsichten ist viel zu lange unterschätzt worden. Beim Versuch, unsere allgegenwärtige Erschöpfung zu überwinden, sind Vorschläge aus diesen Bereichen unerlässlich, nicht zuletzt weil sie uns helfen, den Blick auf unsere Probleme zu verändern. Perspektivwechsel, egal ob klein oder groß, können uns aus unserer Lähmung befreien und uns in Handeln bringen. Nicht alles ist unsere persönliche Verantwortung, und wir sind nicht allein mit den Zwickmühlen, in denen wir festzustecken glauben. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Die Aufklärung ist nicht frei von Widersprüchen
Wie die Aufklärung selbst, ist auch die Person Isaac Newtons nicht frei von scheinbaren Widersprüchen. So studierte beispielsweise derselbe Newton, welcher der Kirche suspekt war und im Ruf des Ketzers stand, intensiv die Bibel. Er hinterließ theologische Manuskripte, die an Umfang alle seine wissenschaftlichen Werke übertreffen. Jürgen Wertheimer stellt fest: „So war der größte Naturwissenschaftler dieses Zeitalters zugleich ein Mystiker.“ Isaac Newton verfasste einen Kommentar zur Apokalypse und behauptete, der darin angekündigte Antichrist sei der römische Papst. Newtons Geist war eine Mischung aus Galileo Galileis Mechanik und Johannes Keplers kosmischen Gesetzen und Jacob Böhmes Gottesglauben. Er wurde nach einer von Staatsmännern, Edelleuten und Gelehrten gehaltenen Trauerfeier auf einer von Herzögen und Earls begleiteten Bahre in der Westminster Abtei zu Grabe getragen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Eine Diagnose kann einen Patienten auch entlasten
In der Regel gehen Menschen zu Therapeutinnen, Coaches, Lebensberaterinnen und so weiter, weil sie fühlen, dass etwas nicht stimmt, sie etwas quält. Diana Pflichthofer ergänzt: „Aber sie haben für dieses Etwas keinen Namen. Dann ist es womöglich hilfreich, wenn es einen Namen bekommt, auch wenn es ein nicht zutreffender ist.“ Eine Diagnose kann auch entlasten, und dies umso mehr, als sie mit der Riesenwelle der Kognitiven Verhaltenstherapie annehmbare Angebote dafür gemacht werden, warum man X hat. Irgendwie hat man die Erkrankung „geerbt“, in den „Genen“, damit also von Geburt an. Das wird – missverstanden – so aufgenommen, dass die individuellen und gesellschaftlichen Lebensumstände nichts damit zu tun haben. Oder es handelt sich um eine Art „Fehlprogrammierung“. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Das Absolute ist eine außerordentlich listige Denkfigur
Was die Postmoderne hätte sein können umfasst ein Denken, das auch dasjenige der Postmoderne ist, die man heute kennt, das aber darüber hinausgeht. Es greift zugleich weiter aus, versteht seine Protagonisten als Leser von Texten einer früheren Epoche. Daniel-Pascal Zorn ergänzt: „Die Postmoderne erbt von der Moderne die Frage nach einer Alternative zu dem, was mit der Französischen Revolution und der Überwindung des Absolutismus erledigt schien: das Absolute.“ Dieses Absolute ist eine außerordentlich listige Denkfigur. Die Wissenschaft des Absoluten und die Rückkehr des Absoluten werden verbunden durch eine Zeit, die eine Krise des Absoluten markiert. Diese Zeit ist die Postmoderne. Daniel-Pascal Zorn studierte Philosophie, Geschichte und Komparatistik. Seit 2021 ist er Geschäftsführer des Zentrums für Prinzipienforschung an der Bergischen Universität Wuppertal.
Länder orientieren sich außenpolitisch an ihren nationalen Interessen
In der Außenpolitik dominieren oft kurzsichtige nationale Interessen in einem solchen Ausmaß, dass die großen Probleme der Welt dahinter verblassen. Richard David Precht nennt ein Beispiel: „So etwa rückt der afrikanische Kontinent gegenwärtig nicht deshalb in den Fokus, weil die Klimakatastrophe dort Fürchterliches anrichtet, das unseren Humanismus erfordert. Vielmehr wird Afrika heute deshalb „wichtig“, weil der Kontinent über die von den Industrieländern dringend benötige Rohstoffe verfügt, die nicht in die Hand Chinas fallen sollen, sondern in ehe der USA und Europas.“ Wohlgemerkt: Dass Länder sich außenpolitisch an ihren nationalen Interessen orientieren, ist weder befremdlich noch verwerflich. Bedrückend ist etwas anderes, nämlich, dass diese verständlichen nationalen Interessen nicht im Kontext des großen Ganzen gesehen werden. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Soziale Bindungen führen meistens zu einem glücklichen Leben
Warum suchen wir uns einen Partner? Wir erwarten, wichtige existentielle Bedürfnisse stillen zu können. In früheren Zeiten war der Lebenskampf zweifellos so hart, dass es günstig und sogar notwendig war, Teil einer Familie zu sein. Michael Lehofer ergänzt: „In der jetzigen Zeit ist es manchmal nach wie vor günstig, aber so klar ist die Sache scheinbar doch nicht. Sonst gäbe es hierzulande nicht so viele Singles.“ In Entwicklungsländern kommen die Menschen nicht auf die Idee allein zu leben. Immerhin ist laut der wissenschaftlichen Glücksforschung soziale Bindung einer der Hauptfaktoren, um im Leben glücklich zu werden. Das gilt interessanterweise überall auf der Welt, nicht nur in den ärmeren Ländern. Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Lehofer ist ärztlicher Direktor und Leiter der einer Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Graz II.
Körperliche Beschwerden haben oft seelische Ursachen
Sabine Viktoria Schneider beschreibt in ihrem Buch „Wenn der Arzt nicht mehr weiter weiss“ seelische Ursachen und ganzheitliche Lösungen für 200 Beschwerden. Dabei ist es ein erster wichtiger Schritt, die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele zu verstehen. Die moderne Medizin behandelt, was sie messen, abbilden und belegen kann. Unsere Medizin entwickelt sich immer weiter, von Jahr zu Jahr werden die Therapiemöglichkeiten besser. Doch das, was uns innerlich bewegt, was wir fühlen, was uns verletzt oder überfordert, und all das, was wir seit vielen Jahren mit uns herumtragen, findet in diesem Fortschritt kaum Platz. Dabei ist genau das oft die eigentlichen Ursache für körperliche Beschwerden. Das Zusammenspiel aus Körper und Seele. Dr. Sabine Viktoria Schneider ist Psychologin, Doktorin für Public Health (Dr.P.H.) und Buchautorin. Sie ist spezialisiert auf die Bereiche Psychodynamik, Schematherapie und Psychosomatik.
Erinnerungen sind lebendig und in Bewegung
Das Handeln eines Menschen aktiviert nur einen winzigen Teil seiner verfügbaren Erinnerungen. Charles Pépin ergänzt: „Diesseits des Handelns bildet unser Gedächtnis ein großes Ganzes aus Erinnerungen, die Henri Bergson als lebendig und in Bewegung beschreibt.“ Wollen wir wissen wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, müssen wir in die Flut der Überbleibsel der Vergangenheit eintauchen. Wir müssen diesen begegnen, um unsere Komplexität, unsere Subjektivität und jene Geschichte zu erfassen, die für uns konstitutiv ist und unaufhörlich fortgeschrieben wird. Wenn wir aufhören, zu handeln und dadurch eine Auswahl zu treffen, und unsere Erinnerungen freien Lauf haben, beginnen sie zu „tanzen“. Unsere Erinnerungen bilden den plastischen, vielgestaltigen, aktiven Stoff unserer Träume. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.