Gerhard Gleißner schreibt: „Im Fluss des Lebens bietet uns der Stoizismus als Lebensphilosophie einen festen Halt. Er sagt uns dabei konkret, was nicht fließt: Es sind die Dinge, die in unserer Macht liegen, nämlich unsere Werte, und unsere Wünsche.“ Hier bestimmen wir, was „fließen“ soll. Wir können zum Beispiel politisch unser ganzes bisheriges Leben lang konservative Werte vertreten haben und es doch ab morgen ändern. Wir können die Dinge, die in unserer Macht liegen, also auch an dem Zeitfaktor Zukunft erkennen. Unsere Werte und vor allem die Wünsche als Ziele beziehen sich vornehmlich auf das, was erst noch passieren wird – und genau deshalb sind sie frei und unterliegen nicht den Gesetzen der Realität und der Macht des Schicksals. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Philosophie
Die vergeistigte Rache attackiert mit Worten und Schablonen
Georg Wilhelm Friedrich Hegels moralpsychologische Diagnosen sind bedrückend aktuell. Alexander Somek erklärt: „Sie sind es vor allem, wenn man an jene denkt, die gern sozialen Fortschritt sähen, aber nicht wissen, wie man ihn hervorbring und daher auch nicht aktiv werden, um ihn zu bewirken.“ Menschen dieses Schlags entdecken dann im Feuilleton oder in der Blog-Sphäre ihres Balkons, von dem aus sie gemeinsam oder in Auseinandersetzung mit anderen schönen Seelen die Muppet Show eines politischen Aktionismus aufführen, in dessen Kontext Aufrufe, dass etwas getan werden müsse, schon für Handeln gehalten werden. Woran es mangelt, hat Michael Walzer einmal so treffend in kritischer Auseinandersetzung mit dem deliberativen Demokratiemodell skizziert: Flugblätter verteilen, Plakate malen, Zusammentreffen organisieren, gemeinsame Stellungnahmen erarbeiten und so weiter. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Bei öffentlichen Äußerungen gibt sehr viele Fälle von Cancel Culture
Pauline Voss stellt fest: „Es schmälert die Macht der Überwachung nicht, dass nicht jeder Verstoß gegen die Regeln der politischen Korrektheit geahndet, dass nur ein Bruchteil davon überhaupt entdeckt wird.“ Michel Foucault schreibt über das Panopticon: „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist.“ Im Grunde ist es gleichgültig, ob in einem bestimmten Augenblick der Überwachungsturm besetzt ist oder nicht; allein die Tatsache, dass der Häftling überwacht werden könnte, zwingt ihn zu permanentem Gehorsam. Das heute vielfach vorgebrachte Argument, dass es, gemessen an der Menge aller öffentlichen Äußerungen, nur sehr wenige Fälle von Cancel Culture gebe, zielt darum ins Leere. Es ist gerade diese Unberechenbarkeit, die den Einzelnen dazu zwingt, permanent die eigene Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, oder in den Worten von Michel Foucault: die Zwangsmittel der Macht gegen sich selbst auszuspielen. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.
Helmut Lethen propagiert stoisches Verhalten und Denken
Helmut Lethens eigentümliche Reise mit der Stoa mit leichtem Handgepäck gipfelte 1994 mit einem Buch über „Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Damals fand er in der heillosen Geschichte der ersten deutschen Republik ein mentales Ordnungsschema, was in unterschiedlichen politischen Strömungen wirksam war, und nannte es „Verhaltenslehren der Kälte“. Helmut Lethen begriff sie als Anweisungen zu stoischem Verhalten und Denken, mit denen man die damaligen Lebensversuche angehen sollte. Die Provokation der „Verhaltenslehren“ bestand in ihrem Angriff auf den Kult der Betroffenheit der achtziger Jahre, auf den Rückzug in eine „Vulnerabilität“, in die sich die einzelnen einigelten und ihre Verletzbarkeit ausstellten. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.
Der Glaube an die Käuflichkeit des Glücks ist stark verankert
Es lohnt sich, sich selbst und seinen Partner zu fragen, ob wir nicht tatsächlich die Freuden des täglichen Lebens viel zu sehr unter- und die materiellen Dinge zu sehr überschätzen. Andreas Sacher stellt fest: „Man muss kein Zen-Mönch sein, um zu verstehen, dass wir uns nicht glücklicher fühlen, wenn wir ständig Dinge kaufen.“ Um nicht missverstanden zu werden, Geld kann vieles, es beruhigt und schafft Freiheit und sorgt gerade im Alter für bessere medizinische Versorgung, aber es macht eben nicht glücklich. Nur bei sehr armen Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, gibt es einen Zusammenhang zwischen Geld und Glück. Dr. Andreas Salcher kämpft seit vielen Jahren für bessere Schulen und individuelle Talentförderung. Der Bestsellerautor gilt mit über 250.00 verkauften Büchern als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Bernhard Pörksen entwickelt eine Philosophie des Zuhörens
Bernhard Pörksen schreibt: „In der gegenwärtigen Situation, vor dem Horizont ineinander verschlungener Krisen, einer allgemeinen Polarisierungsfurcht und der neuen Macht von Populisten und Ideologen, gewinnt eine Frage an Brisanz, die eine Philosophie des Zuhörens umtreiben muss. Sie lautet: Wem überhaupt zuhören?“ Nur „den Richtigen“ oder auch „den Falschen“? Gilt es beispielsweise vor dem Hintergrund der Wahlerfolge populistischer Parteien, Rechtsextremen Gehör zu schenken? Tut man dies, um sie zu verstehen, weil man zumindest ein partielles Einverständnis für möglich hält? Oder geschieht dies, um die Gesinnung der Parteigänger unvoreingenommen zu begreifen, um sie gut begründet und kenntnisreich zu verurteilen und maximal effektiv zu bekämpfen? Was ist das Ziel: das verständnissinnige, von Sympathie geprägte Verstehen oder die klare Verurteilung? Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
Wie die Liebe ist die Wahrheit ein Versprechen
Rob Wijnberg schreibt: „Was Liebe für den Menschen ist, ist Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann.“ Wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Rätsel – eine mysteriöse Vision, der wir nachjagen und nach der wir streben, in der Hoffnung, dass unsere Sehnsucht in ihr Erfüllung finde: eine Sehnsucht, die uns zu poetischen Worten und größten Taten inspiriert, die uns zu Mitgefühl und Veränderung bewegen kann. Und wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Versprechen – das Versprechen, dass sie unserem Dasein, haben wir sie einmal gefunden, Sinn und Richtung geben wird: dass sie Klarheit im Chaos schaffen und ihr Licht in der Dunkelheit leuchten lassen wird. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.
Ludwig Wittgenstein hat die Sprache verstanden
Ludwig Wittgenstein hat durch seine Spätphilosophie in den „Philosophischen Untersuchungen“ sehr zum Verständnis der Sprache beigetragen. Er zerstörte die Illusion, dass sich die Sprache so weit perfektionieren lasse, dass sie die Welt vollkommen „wahrhaft“ abbilde. Axel Braig erläutert: „Gleichzeitig kritisierte er die Fixierung vieler Philosophen auf die Aspekte Logik und Wahrheit bei der Beurteilung von Sprache.“ Diese hatte er auch selbst noch in seinem Erstlingswerk „Tractatus logico-philosophicus“ vertreten. So ist es durchaus als Selbstkritik zu verstehen, wen Ludwig Wittgenstein in seinem Spätwerk schreibt: „Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweisen, die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben.“ Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Die Computer-Logik besitzt eine eigene Realität
Die Computer-Logik stellt sich eine personalisierte Realität ganz nach ihrem Geschmack zusammen. Sobald sie eine „Atmosphäre der Echtheit“ identifiziert hat, taggt sie deren Inhalt mit „wahr“. Rebekka Reinhard kritisiert: „Die verblödete Vernunft setzt zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Erkenntnis ein Gleichheitszeichen. Komplizierte Beschreibungen der Realität kann sie nicht aushalten. Wo ihr die Wirklichkeit zu undurchsichtig … Weiterlesen
Jürgen Habermas kritisiert die Kurzsichtigkeit der europäischen Politik
Die Sonderausgabe der Philosophiemagazins „Impulse für 2026“ enthält wie jedes Jahr ausgesuchte Essays und Gespräche zu den großen Fragen unserer Zeit. Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas warnt in seinem Beitrag vor einer Rhetorik der Verfeindung und tritt für die Freundschaft mit unseren Nachbarn ein. Gleichzeitig kritisiert er die Kurzsichtigkeit der europäische Politik. Es ist für Jürgen Habermas schwer zu verstehen, warum die führenden Politiker Europas, insbesondere der Bundesrepublik, nicht vorausgesehen haben ober mindestens: warum sie sich blind gestellt haben gegenüber einer in den USA schon seit Längeren angebahnten Erschütterung des demokratischen Systems. Ebenso irritierend war die öffentliche Unempfindlichkeit für den Ausbruch militärischer Gewalt in Europa. Verschwunden schien jedes Gefühl für die abschreckende Gewalt von Kriegen und für die Tatsache, dass Kriege leicht entstehen, aber schwer zu beenden sind.
Viele Menschen sind in den letzten Jahren mitfühlender geworden
Was war zuerst da: die Sensibilität oder die Begriffserweiterung? Philipp Hübl erklärt: „Vermutlich bedingen sich die Faktoren gegenseitig. Eine erhöhte Sensibilität führt dazu, dass wir aufmerksamer werden, die Begriffe erweitern, mehr Fälle entdecken und daher auch mehr darüber sprechen.“ Umgekehrt führen die erhöhte Frequenz und die Erweiterung moralischer Begriffe dazu, dass wir uns mehr mit den Themen beschäftigen, die Aufmerksamkeit stärker auf Grenzfälle lenken und uns so für mehr Fälle sensibilisieren. Bisher ist noch nicht abschließend geklärt, warum seit etwa zehn Jahren Begriffserweiterung und Begriffsfrequenz so stark zugenommen haben. In der Forschung werden verschiedene Faktoren diskutiert. Erstens könnte es sein, dass Menschen in den letzten Jahren sowohl mitfühlender als auch emotional fragiler geworden sind. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Die Unausweichlichkeit erweist sich meistens als falsche Prophezeiung
Die Ausrufung von Unausweichlichkeit ist meistens eine falsche Prophezeiung. Rebecca Solnit schreibt: „Hoffnung ist in diesem Sinn schlicht die Erkenntnis, dass die Ungewissheit eventuell Raum dafür lässt, sich zu den besten Möglichkeiten hin- und von den schlechtesten wegzubewegen, dass die Zukunft, anders, als ihr oft angedichtet wird, eben kein bereits existierender Ort ist, zu dem wir uns hinschleppen, sondern einer, den wir mit unseren Handlungen – oder auch unserem Nichtstun – in der Gegenwart erst erschaffen.“ Genauer gesagt besteht Hoffnung aus dieser Erkenntnis sowie der Bereitschaft, auf die besseren Möglichkeiten innerhalb des Spielraum des Ungewissen, des noch nicht Geschaffenen hinzuarbeiten. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.
Die Hoffnung unterscheidet sich von den meisten anderen Gefühlen
Inwieweit Hoffnung als ein Gefühl bezeichnet werden muss, hängt natürlich davon ab, was man unter „Gefühl“ versteht. Lars Svendsen erklärt: „In der Alltagssprache wird Hoffnung oft als ein Gefühl beschrieben, und sie hat zweifellos emotionale Aspekte, unterscheidet sich aber auch von den meisten anderen Gefühlen, da bei ihr die Rationalität so stark involviert ist.“ Wenn Lars Svendsen hofft, dass der Kleptokrat Wladimir Putin die Macht verliert, bedeutet das mehr, als wenn er es nur wünsche – es beinhaltet auch, dass er sich die reale Möglichkeit, dass dies geschieht, vorstellen kann und mitunter auch Gedanken dazu hat, was erforderlich ist, damit es geschehen kann. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Vorurteile behindern die Wahrheitsfindung
Zeugnisungerechtigkeit ist notwendigerweise mit Vorurteilen verbunden. Hin und wieder ist Zeugnisungerechtigkeit jedoch ein ganz normaler Aspekt von Situationen, in denen etwas bezeugt wird. Miranda Fricker erklärt: „Manchmal hat diese Art von Ungerechtigkeit harmlose Auswirkungen und richtet kaum Schaden an, doch manchmal kann sie eine schwerwiegende Schädigung bewirken, vor allem wenn die Ungerechtigkeit anhaltend und systemisch ist.“ Vorurteile behindern die Wahrheitsfindung entweder direkt, indem der Hörer ihretwegen eine bestimmte Wahrheit nicht mitbekommt, oder indirekt, indem sie die Weitergabe von wichtigen Gedanken behindern. Die Tatsache, dass Vorurteile eine Sprecherin daran hindern können, ihr Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, zeigt darüber hinaus, dass Zeugnisungerechtigkeit in einer kollektiven Sprechsituation eine schwerwiegende Form von Unfreiheit darstellt. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.
Hannah Arendt ist die politische Instanz der Gegenwart
Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 01/2026 ist der Philosophin Hannah Arendt gewidmet, deren Todestag sich am 4. Dezember zum 50. Mal jährt. Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Arendt Denken war immer riskant, und zwar gerade weil sie konsequent eigener Handlungsmacht festhielt.“ Dabei verlor sie nie die Zuversicht. Stattdessen schuf sie eine Philosophie des Handelns und forderte von Bürgern Mut, geistige Autonomie und die Fähigkeit politischer Urteilskraft. Dadurch ist Hannah Arendt die politische Instanz unserer Gegenwart. Das liegt sicher daran, das sie Themen behandelt, die liberale Gesellschaften umtreiben: Frei sein, Rechte haben, handeln können, der Diktatur widerstehen. Hannah Arendts Ideal des politisch engagierten Lebens liest sich wie ein Vorschlag zur Belebung kriselnder Institutionen von Parteien, Staat und Öffentlichkeit. Ihr Bruch im dem Monotheismus der Wahrheit macht ernst mit dem pluralistischen Anspruch von Demokratien.
Das Rauschen des Informationsflusses wird immer lauter
Rebekka Reinhard schreibt: „Wir leben im Informationszeitalter, mitten im reißenden Fluss der Aktualitäten, die alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen: das Rauschen der Nachrichten, das Rauschen der Bilder, das Rauschen der Meinungen, das Rauschen der Widersprüche.“ Seit der Griff zum Handy, E-Mails, soziale Medien, WhatsApp und Podcasts so alltäglich wurden, seit sich öffentlich und privat, subjektiv und objektiv nicht mehr so leicht trennen lassen, wird das Rauschen des Informationsflusses immer noch lauter und schneller. Das große Rauschen ist der wichtigste Verbündet des Dauerdenkens. Es schiebt sich wie eine Barriere vor das wirkliche Leben und kann einen Menschen derart in den Bann schlagen, dass ihm die Haltung wegdriftet. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Niemand darf Furcht vor dem Leben haben
William James schreibt: „Haben sie keine Furcht vor dem Leben. Glauben Sie daran, dass das Leben wert ist, gelebt zu werden. Und Ihr Glaube wird dazu beitragen, die Tatsache herbeizuführen.“ Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck macht darauf aufmerksam, dass Gesundheit nicht nur intrinsisch, also in sich selbst, gut ist. Barbara Schmitz ergänzt: „Sie gilt vielmehr als „Ermöglichungsgut“. Also als ein Gut, das einen instrumentellen Wert hat, um andere Ziele zu erreichen.“ Ist Gesundheit daher, wie es ein gängiges Sprichwort fasst, zwar „nicht alles, aber ohne sie ist doch alles nichts“? Der besondere Wert von Gesundheit wird einem Menschen erst dann schmerzlich bewusst, wenn sie fehlt. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.
Leben zu bewahren ist nicht einfach
Was bringt Menschen dazu, das Leben anderer bewahren zu wollen? Dabei geht man immer von bestimmten Annahmen darüber aus, was eigentlich als Leben zählt. Judith Butler erklärt: „Diese Vorannahmen betreffen nicht nur das Wo und Wann des Lebensbeginns und die Art des Lebensendes, sondern, vielleicht auf einer anderen Ebene, auch die Frage, wessen Leben als Leben zählt.“ Die Frage, was einen Menschen zum Schutz einer bestimmten anderen Person bewegt, setzt eine dyadische Beziehung voraus. Man kennt das andere Individuum, vielleicht auch nicht. In jedem Fall ist man unter bestimmten Umständen möglicherweise in der Lage, Gefahr von dem Anderen abzuwenden oder einer zerstörerischen Kraft Einhalt zu gebieten. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Der Zweck heiligt nicht die Mittel
Ein sogenanntes ethisches Dilemma besteht darin, dass man zwei miteinander unvereinbare, widersprüchliche Handlungsanforderungen zugleich befolgen soll – was unmöglich ist. Für jeden moralischen Obersatz – und damit auch für Sätze wie: „Du sollst nicht töten!“, „Du sollst keine Kinder quälen!“ und so weiter – kann man scheinbar leicht ein moralisches Dilemma erfinden, sodass man auf dieser Grundlage letztlich alles überhaupt darf. Markus Gabriel erläutert: „Denn mit jeder unmoralischen Handlung könnte man ja Bedingungen dafür herstellen, einen guten Zweck zu erreichen, sodass sich nach der Regel, der Zweck heilige die Mittel, das gesamte moralische System zerstören lässt. Deswegen stimmt die Behauptung eben nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt.“ Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Das Philosophie Magazin stellt zehn Jahrhundert-Philosophen vor
Chefredakteurin Jana Glaese schreibt in ihrem Editorial: „Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazin sucht Antworten bei jenen Denkerinnen und Denkern, die der Welt und ihren Krisen seit Jahrzehnten philosophierend begegnen.“ Die Wirkungsfelder dieser Philosophinnen und Philosophen reichen von Theorien des Kolonialismus, des Feminismus und der Demokratie über Tierethik und Ökologie bis hin zur Erforschung des Bewusstseins und der Spiritualität. Peter Sloterdijks philosophisches Werk widmet sich dem Kleinen, Feinen und Fragilen, beseelten Räumen und gesellschaftlichen Stimmungen. Offenbar bekommt man zwar das Sein nicht zu fassen, aber das darüberliegende Geflecht aus Stimmungen und Motivationen – den eigentlichen Stoff der jüngeren Weltgeschichte. Peter Sloterdijk hat sein Hauptwerk „Sphären“ gelegentlich als Versuch über Sein und Raum bezeichnet. Die Existenz wäre seiner Meinung nach nicht nur als Produkt der Geschichtlichkeit zu denken, sondern mehr noch in Räumlichkeit. Diese manifestiert sich in Beziehungen zwischen Personen, in Weltbildern, in Architektur, Design und Klangausbreitung.
Der gesunde Menschenverstand hat in der Digitalmoderne ausgedient
Eva Menasse schreibt: „Die Welt ist wahrlich voll von unglaublichen, bizarren und oft sogar wahren Geschichten; der Zugang zu ihnen hat sich, anders als früher, vom Bildungsstand und den individuellen finanziellen Möglichkeiten völlig entkoppelt.“ Früher begaben sich hochgebildete Abenteurer, gefördert von Mäzenen, auf Expeditionen in unbekannten Erdteile und gestalteten mit ihren Trophäen, Zeichnungen und Erzählungen das Bild für die Daheimgebliebenen aus. Heute kann sich jeder von zu Hause in den Louvre und die Library of Congress hineinklicken, aber auch in jedes erdenkliche Unterholz. Das klingt schön demokratisch – und wurde von Beginn an als großer Vorteil des Netzes gefeiert –, hat aber gleichzeitig die früheren Filter außer Kraft gesetzt. Der „gesunde Menschenverstand“ den selbst Hannah Arendt noch als Maßstab anrief, ist im Zeitalter der Digitalmoderne wirkungslos geworden. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.
Alle Lügen ziehen früher oder später Konsequenzen nach sich
Manchmal wird man seinen innersten Gedanken und Gefühlen gefragt und schafft es einfach nicht die Wahrheit zu sagen. Thomas Erikson erklärt: „Es tut zu sehr weh, manche Dinge einzugestehen, also bluffen wir und hoffen, dass wir damit durchkommen.“ Lügen sind zweischneidige Schwerter. Manchmal werden sie vorgebracht, um zu schützen und vorübergehende Zuflucht vor der möglicherweise brutalen Wahrheit zu suchen. Doch in anderen Fällen entspringen sie Gewinnstreben, Eifersucht oder der Absicht zu manipulieren. Die meisten Lügen werden zugegebenermaßen nicht aus Böswilligkeit geboren, doch alle Lügen ziehen früher oder später Konsequenzen nach sich. Es gab einmal eine Zeit, da verließ man sich im Allgemeinen auf das, was in der Zeitung stand – doch das ist lange her. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.
Man darf seinen Tagesrhythmus nicht durcheinanderbringen
Shunmyo Masuno möchte darüber sprechen, wie man seine Zeit nutzen kann, statt sich von ihr verbrauchen zu lassen: „Um geistig und körperlich gesund zu sein – oder besser noch, um voller Elan zu leben – ist es wichtig, den Tagesrhythmus nicht durcheinanderzubringen.“ Wenn sich die Zeiten, zu denen man morgens aufsteht und abends ins Bett geht, von einem Tag auf den anderen ständig verschieben, kann man weder eine optimale Gesundheit aufrechterhalten noch die geistigen Erschöpfung ertragen, die dadurch entsteht. Hinzu kommt, dass der Mensch von Natur aus zur Faulheit neigt – man kann so faul sein, wie man dies zulässt. Wenn man der Faulheit nachgibt, nimmt das kein Ende, und alles wird noch schlimmer. Shunmyo Masuno ist ein japanischer Zen-Mönch, preisgekrönter Zen-Garten-Designer sowie Professor für Umweltdesign an der Tama Art University in Tokyo.
Über die Hoffnung gibt es unzählige Zitate
Es gibt Begriffe, die lechzen geradezu danach, sich in einem Kalenderspruch oder Sprichwort wiederzufinden. Zu diesen zählt zweifellos und prominent die Hoffnung. Wer im Internet kurz nach Zitaten zur Hoffnung sucht, wird auf Anhieb mit mehreren hundert Fundstellen beglückt. Auch Konrad Paul Liessmann beginnt deshalb mit einer alten Weisheit: „Dum spiro spero – Solange ich amte, hoffe ich. Diese Sentenz gehört wahrscheinlich zu den meistzitierten Sätzen der Antike, sie wird gemeinhin Marcus Tullius Cicero zugeschrieben.“ Recherchiert man ein wenig dazu im Internet, wird man darauf verwiesen, dass diese Formel unvollständig sei. Ergänzt wird sie durch die Sätze: „Solange ich hoffe, liebe ich. Solange ich liebe, lebe ich.“ Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Platons Hauptwerk sind die „Dialoge“
Platon stieß wahrscheinlich als Jugendlicher zu den Schülern von Sokrates. Und er war Ende 20, als Sokrates starb. Platon ging für mehrere Jahre nach Sizilien und lebte wohl auch an anderen Orten, bis er nach Athen zurückkehrte und seine Philosophenschule, die Akademie, gründete. Ward Farnsworth erklärt: „Sein Hauptwerk – und womöglich sein einziges Werk – sind die „Dialoge“, von denen er etwa 30 verfasst hat. Er kommt darin nie direkt vor, obgleich Sokrates in der „Apologie“ feststellt, dass Platon bei seiner Gerichtsverhandlung anwesend ist.“ Innerhalb der Forschung nimmt man oftmals an, dass Platon seine frühen Dialoge vor seinen Reisen geschrieben hat, die sein Denken noch einmal in eine andere Richtung lenkten.“ Ward Farnsworth war Dekan an der University of Texas School of Law und ist dort am John-Jeffers-Forschungslehrstuhl tätig.