Jeder Ort macht die Liebe zur Heimat

Alle Liebenden kennen Landschaften, die unauflöslich mit ihrer Geschichte verquickt sind. Wilhelm Schmid behauptet: „Jeder Ort macht die Liebe zur Heimat.“ In der Momentheimat, die durch das intensive Erleben entsteht, vergessen die Liebenden die Zeit und interessieren sich nicht mehr dafür, wo sie sind. Just die Erfahrung der Zeitlosigkeit markiert jedoch einen Einschnitt in der Zeit, den sie nicht mehr vergessen werden. Es ist wie ein Gongschlag, der noch lange nachklingt. Die Erfahrung stellt eine Beziehung zum Ort her und hebt seine Fremdheit auf, sodass Vertrautheit entsteht. Fast so schön wie die Erfahrung ist die spätere Reflexion. Sie dient dazu, das Erlebte länger auszukosten, ihm nachzusinnen und gewonnene Ereignisse auch künftig für die Kunst des Liebens zu nutzen. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.

Die Intensität der Erfahrung begründet Heimat

Wilhelm Schmid betont: „Heimat ist überall, wo die Liebe zur Erfahrung wird. Die Erinnerung daran haftet sich an den Ort und verblasst nie.“ Auch die Umgebung, die zunächst unbekannt und unwichtig war, prägt sich nachdrücklich ein. Sie begründet eine Heimat im Raum, mit der der Moment in der Zeit für immer verbunden bleibt. Jede weitere Erfahrung der Liebenden an diesem Ort bestätigt die Vertrautheit damit. Was diesen Ort aus der Unzahl möglicher Orte hervorhebt, ist die gefühlte und gedachte Bedeutung, die er durch die Liebe erhält.

Er bleibt für die Liebenden der besondere Ort, an dem sich ein Teil ihrer Geschichte abgespielt hat. In ihrem Fühlen und Denken gewinnt er die Konturen, die unsichtbar für Andere durch seine reale Sichtbarkeit hindurchschimmern. Danach ist er für alle Zeiten verwandelt. Wilhelm Schmid weiß: „Was die Bedeutung erzeugt und Heimat begründet, ist die Intensität der Erfahrung.“ Das ist auch in anderen Kontexten so, aber vor allem für die Liebenden kann die Erfahrung „himmlisch“ sein.

Liebe und Landschaft haben eine magische Verbindung

Die äußere Umgebung regt das innere Geschehen an, synchronisiert die Stimmungen der Liebenden und umrahmt ihr Zusammensein. Liebe und Landschaft, das ist für Wilhelm Schmid eine geradezu magische Verbindung. Von ihr zeugt auch die Literatur, in der die Schilderung von Beziehungen oft mit dem Ausmalen von Umgebungen einhergeht. Wie die Literatur und der Film stellt außerdem die Malerei gerne die Liebe dar, die Orte zur Heimat macht.

Aus vorchristlichen Jahrhunderten stammt im Übrigen das erste große Nachdenken über die Liebe, das offenkundig eines besonderen Ortes bedurfte. Wie die intensive Erfahrung der Liebe begründet auch die des Gesprächs eine Heimat in diesem Moment an diesem Ort. Die Erfahrung ist erneuerbar, auch in ein und derselben Beziehung, sofern zwei sich darum bemühen. Soll aus der Liebe eine Dauerheimat werden, kann sie allerdings nicht nur aus einer Abfolge intensiver Momente bestehen. Nachhaltigkeit gewinnt sie Platon zufolge am ehesten durch die Besonnenheit, welche die Manie austariert. Quelle: „Heimat finden“ von Wilhelm Schmid

Von Hans Klumbies

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