Die große Wahrheit gibt es nicht

Axel Braig entdeckte durch die Lektüre der „Essays“ von Michel de Montaigne, wie hilfreich philosophische Literatur bei der Auseinandersetzung mit den Fragestellungen des eigenen Lebens sein kann. Auf der Suche nach einer alltagstauglichen Philosophie begegnet der Philosoph, Arzt und Musiker Axel Braig in seinem Buch „Über die Sinne des Lebens und ob es sie gibt“ ganz unterschiedlichen Denkern. Dabei setzt er Epikur, Albert Camus, Ludwig Wittgenstein, Emmanuel Lévinas und viele andere in ein Verhältnis zu ganz konkreten Lebensfragen und Lebenslagen. Ohne ein geschlossenes System zu bilden, fügten sich deren Konzepte mit der Zeit für den Autor zu einem zwar lockeren, aber hilfreichen Geflecht. Statt der einen großen Wahrheit baut Axel Braig auf viele Wahrnehmungen. Damit stimmt er in das philosophische „Lob des Polytheismus“ ein, welches der moderne Skeptiker Odo Marquard gesungen hat.

Der Andere trägt seine Bezeichnung zu Recht

Gegliedert hat Axel Braig sein Buch in drei Teile: Perspektiven, Zweifel – oder der Verzicht auf die Panoramaperspektive und Versuche. Der erste Teil besteht aus der Welt, dem Ich, dem Du und den Anderen. Bei „Du“ zieht der Autor Texte des Philosophen Emanuel Lévinas heran. Den nächsten wie sich selbst zu lieben erscheint aus Lévinas Sicht schlichtweg undenkbar. Denn das „Du“ meint ja immer einen Anderen oder eine Andere. Und die vielleicht wichtigste Botschaft von Lévinas besteht darin, dass der Andere diese Bezeichnung zu Recht trägt.

Der dritte Teil „Versuche“ beginnt mit Ludwig Wittgenstein, den man auch als Einstein der Philosophie des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Sein Denken hat den „linguistic turn“, also die Wende der Philosophie hin zur Sprachanalyse eingeleitet. Axel Braig erwähnt Wittgenstein an dieser Stelle, weil er ihm geradezu als ein Paradebeispiel dafür erscheint, welch gewaltige Auswirkungen der Verzicht auf eine Gesamtschau der Welt für einen Einzelnen haben kann. Der nach vielen Richtungen offener und fragender Charakter seiner „Philosophischen Untersuchungen“ hat zahllose Autoren befruchtet und sie dazu inspiriert, Wittgensteins Anregungen weiterzudenken.

In Camus Welt gibt es weder Götter noch einen Sinn

Die Auseinandersetzung mit der Frage: „Was ist eigentlich Liebe?“ hat im Leben von Axel Braig zu Verwirrungen geführt. Als junger Musiker tappte er von einer unglücklichen Liebesaffäre zur nächsten. Er hoffte damals, dass alles irgendwann besser werden würde, wenn er endlich herausgekommen hätte, was Liebe ist. Als 50-Jähriger wurde er selbst von Platons Dialog „Symposion“ enttäuscht. Auch Platons Antworten waren ihm wenig hilfreich. Weiter gebracht hat ihn dagegen die Beschäftigung mit Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie. Allerdings nicht dadurch, dass er die Frage „Was ist Liebe?“ beantwortet hätte, sondern indem er sie einfach zum Verschwinden brachte.

Den letzten Text seines Buchs nennt Axel Braig „Im Zweifel glücklich – Der Mythos von Sisyphos“. In der Schrift „Der Mythos von Sisyphos“ benennt Albert Camus menschliche Sehnsüchte und die Aussichtslosigkeit, dass sich diese erfüllen. Camus beschreibt darin eine Welt, in der es weder Götter noch einen höheren Sinn mehr gibt. Zudem betrachtet er sein eigenes Wissen skeptisch. Zum Helden dieser absurden Welt erklärt Albert Camus die antike Sagengestalt des Sisyphos, der von den Göttern verurteil wurde, einen Stein den Berg hinaufzurollen, der anschließend immer wieder herunterrollt. Dieser nimmt sein Schicksal an und so endet der Text mit dem Satz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Über die Sinne des Lebens und ob es sie gibt
Eine philosophische Anprobe
Axel Braig
Verlag: Hirzel
Broschierte Ausgabe: 183 Seiten, Auflage: 2021
ISBN: 978-3-7776-2920-9, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies

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