„Im Prinzip ist Altwerden bei uns erlaubt; es wird nur nicht gern gesehen“, fasst der Kabarettist Dieter Hildebrand in seiner Sendung „Scheibenwischer“ die gängige gesellschaftliche Meinung über das Alter zusammen. Laut einer empirischen Studie der Uni Zürich ist das unter Jüngeren – worunter die unter 50-Jährigen verstanden werden – am häufigsten vertretene Bild. Barbara Schmitz kennt die Ergebnisse: „Das Alter ist gekennzeichnet durch Defizite, es ist ein einziges Verlustgeschäft. Man verliert Haare und Zähne, die körperlichen Kräfte nehmen ab, die Haut wird faltig und schlaff und die Sehkraft vermindert sich.“ Nach und nach brechen – wenn man Pech hat – alle diejenigen Funktionen wie Gedächtnis und Sprachfähigkeit weg, welche die Leistungsfähigkeit ausmachen, und man wird dement. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.
Soziologie
Das Bildungssystem ist auf Mittelmaß ausgerichtet
Die Bildungsinstitutionen sind nach hieratischen Modellen der industriellen Revolution gebaut. Militär, Verwaltung, Bürokratie und Rollen/Hierarchie dienten hierfür als Blaupause. Anders Indset ergänzt: „Die Gebäude hatten ihre Vorbilder in Kasernen, Gefängnissen und Fabriken als Stukturierungsprinzip für das Handeln der Menschen. Das Bildungssystem ist auf Mittelmaß sowie Standardisierung und Nummerierung ausgerichtet.“ So werden allerdings nicht die Offenheit, die Neugier und das Interesse des Einzelnen gefördert, die grundlegend für Bildung sind. Es macht keinen Sinn, dass alle Schüler heute in der Schule mit gleicher Geschwindigkeit und auf dieselbe Art und Weise Mathematik und Sport, Musik und Kunst lernen. Doch so scheint man heute Bildung zu verstehen. Es muss doch um viel mehr gehen als um das Aneignen von Wissen. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.
Sozialer Erfolg ist für Menschen extrem wichtig
Man könnte annehmen, dass überbordende Starrsinnigkeit vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet eine Fehlanpassung wäre. Jonathan Rauch ist anderer Meinung: „Dem ist aber nicht so, und eine Erklärung dafür liefert schon Aristoteles: Menschen sind soziale Tiere. Aus evolutionärer Sicht am wichtigsten ist nicht, dass eine Person wahre Überzeugungen ausbildet, sondern solche, die zum sozialen Erfolg führen.“ Denn entscheidend ist unter dem Strich nicht, was ich glaube oder was Sie glauben, sondern was wir glauben. Der Psychologe und Rechtsforscher Dan Kahan von der Yale University hat ein überzeugendes Modell auf Grundlage dessen konzipiert, was er als „identitätsschützende Kognition“ bezeichnet. Jonathan Rauch studierte an der Yale University. Als Journalist schrieb der Politologe unter anderem für das National Journal, für The Economist und für The Atlantic.
Die Globalisierung verknüpft alle Teile der Welt
Bei der Globalisierung handelt es sich um weltweite Verflechtungen, den Austausch zwischen Individuen, Institutionen und Staaten. Es gibt Ereignisse in einem Teil der Welt, welche die Gesellschaften in anderen Teilen der Welt berühren. Laut Hadija Haruna-Oelker gehört zur Globalisierung auch folgendes: „Wachsende Verbindungen in allen Bereichen des Lebens. Politik, Wirtschaft, Kultur, Umwelt, Kommunikation. Natürliche Grenzen von Zeit und Raum, die eine immer kleinere Rolle spielen. Vermischung von Stilen, Formen und Traditionen. Digitale Knotenpunkte, Wettbewerb, Billiglöhne, Klimawandel, Migration und Artensterben.“ Wie aufnahmefähig eine Gesellschaft ist, zeigt ihr verinnerlichtes Wissen über die Migrationsgeschichte ihrer Mitmenschen. Was für viele oft im Unsichtbaren und Unverstandenen bleibt, sind die transnationalen Netzwerke, die eingewanderte Menschen inzwischen über die Jahrzehnte aufgebaut haben. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.
Eigene Betroffenheit ermöglich Einfühlung
Svenja Flasspöhler stellt fest: „Menschen sind unterschiedlich in diese Welt gestellt. In manchen Fällen differieren die Perspektiven so sehr, dass wechselseitiges Verstehen unmöglich scheint. Man sieht einfach nicht dasselbe. Die Dinge stellen sich von den jeweiligen Positionen aus ganz und gar anders dar.“ Erst das Durchleben einer bestimmten Situation – oder anders gesagt: die eigene Betroffenheit – ermöglicht Einfühlung. Das die Grenze der Einfühlung durch mehr begründet sein könnte als nur durch Unlust und Faulheit – was keineswegs heißt, dass diese Faktoren nicht auch eine Rolle spielen – darauf weisen auch die hartgeführten Debatten über „kulturelle Aneignung“ hin. Mit diesem Begriff wird Kritik an dem Umstand geäußert, dass sich etwa Autoren, Übersetzer oder Filmschaffende mit einem Stoff beschäftigen, von dem sie aus eigener Erfahrung nichts wissen können. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Von der Zukunft erwarten die meisten Deutschen nicht viel
Vierundachtzig Prozent der Deutschen blicken 2022 pessimistisch in die Zukunft. Andreas Reckwitz fügt hinzu: „Dies ist das Ergebnis einer Studie der Universität Bonn, die außerdem zeigt, dass der Anteil derjenigen, die erwarten, dass es künftigen Generationen schlechter gehen wir, in den letzten Jahren beständig gewachsen ist.“ Auch wenn Meinungsumfragen mit Vorsicht zu genießen sind: Es ist bemerkenswert, wie stark sich negative gesellschaftliche Zukunftserwartungen seit den 2010er Jahren in vielen westlichen Ländern verfestigt haben. Auch bezogen auf die Problemlösungskompetenz liberaler Demokratien haben sich die Erwartungen flächendeckend eingetrübt: Einer Studie des an der Universität Cambridge angesiedelten Centre for the Future of Democracy zufolge ist bei der Mehrheit der Menschen in den westlichen Gesellschaften ein politischer Vertrauensverlust zu verzeichnen. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Judith Butler fordert Gewaltlosigkeit
Judith Butler bewegt sich in ihrem Buch „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ zwischen einer psychoanalytischen und einer gesellschaftstheoretischen Auffassung von Interdependenz. Sie will damit den Grundstein für eine Praxis der Gewaltlosigkeit im Rahmen eines neuen egalitären Imaginären legen. Judith Butler erklärt: „Diese Analyseebenen muss an zusammenführen, ohne dass der psychoanalytische Rahmen zum Modell aller sozialen Beziehungen gerät.“ Die Kritik der Ich-Psychologie gibt der Psychoanalyse jedoch eine gesellschaftliche Bedeutung. Diese verknüpft sie mit weitreichenden Überlegungen zu Lebensgrundlagen und deren Bestand. Dabei handelt es sich um Fragen, die für jede biopolitische Fragestellung zentral sind. Judith Butlers Gegenthese zur Naturzustandshypothese lautet, dass kein Körper sich aus eigener Kraft erhalten kann. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Die neue Unterklasse hat permanent Schwierigkeiten
Während das nach Selbstentfaltung strebende und an Statusinvestition orientierte Leben der neuen Mittelklasse ambitioniert ist, sind die Ansprüche der neuen Unterklasse gezwungenermaßen stark reduziert. Andreas Reckwitz erklärt: „Ihre Lebensform ist eine, die von der „Alltagslogik des muddling through“ strukturiert ist: Man muss irgendwie durchkommen, es irgendwie schaffen, sich „durchwursteln“, ja durchbeißen, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.“ Für den Alltag der Individuen aus der neuen Unterklasse sind damit zwei Elemente prägend: der Umgang mit permanenten Schwierigkeiten und der kurze Zeithorizont. Den Alltag beherrscht das Motiv der Schwierigkeiten, die man vermeiden will, die trotzdem auftreten und die man zu überwinden versucht. Von außen betrachtet, sind es scheinbar kleine Schwierigkeiten, die aber rasch existenzbedrohende Bedeutung erhalten können. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.
Der innere Zusammenhalt stärkt eine Gesellschaft
Empathie für die Natur der Erde kann sich nur in solchen Gesellschaften entwickeln, die in ihrem Inneren einen ausreichenden Zusammenhalt aufweise. Zudem müssen sie etwas besitzen, was Joachim Bauer gesellschaftliche Empathie nennen möchte. Der Stress, dem die Gesellschaften dieser Erde durch die Corona-Pandemie des Jahres 2020 ausgesetzt waren, war eine traumatische Erfahrung. Joachim Bauer betont: „Die Erkenntnis, dass wir verletzliche Wesen sind, sollte uns Demut lehren und könnte uns von so manchem Größenwahn heilen.“ Würde man die Pandemie als eine Art Stress-Test betrachten, dann wurde dieser Test von den betroffenen Ländern sehr unterschiedliche bestanden. Dass sich die armen Länder dieser Erde der Pandemie besonders schutzlos ausgesetzt sahen, ist schlimm, aber nicht überraschend. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Die Unterklasse wird in der Kultur der Spätmoderne als wertlos markiert
Die neue Unterklasse wird in der Kultur der Spätmoderne in allen ihren Facetten zu einem Gegenstand negativer Kulturalisierung und Entvalorisierung; sie wird als wertlos markiert, und zwar mit Blick aus sämtliche Komponenten, die Andreas Reckwitz im Zusammenhang mit dem Lebensstil der neuen Mittelklasse behandelt hat. Die neue Unterklasse wird gewissermaßen zu deren negativen Abziehbild. So wie sich in der neuen Mittelklasse die gesellschaftliche Valorisierung der Güter und Praktiken, die man sich aneignet, in eine Valorisierung der Subjekte übersetzt, so übersetzt sich hier die gesellschaftliche Entvalorisierung der Güter und Praktiken, die man verwendet, in eine Entvalorisierung der Subjekte. In diesem Prozess sind eine bestimmte sozialkulturelle Praxis, die im Alltag der Unterklasse stattfindet, und eine spezielle Perspektivierung dieser Praxis durch Institutionen wie Medien, Wissenschaft und Politik, in denen in der Regel die Maßstäbe der neuen Mittelklasse zum Ausdruck kommen, miteinander verknüpft. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die soziale Umwelt formt das menschliche Gehirn
Es gibt einen besonders starken, nachhaltigen und wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesenen Einfluss auf das Gehirn. Dabei handelt es sich um das, was ein Mensch in seinem sozialen Umfeld erlebt und tut. Manche Kinder fühlen sich in ihren Familien geborgen. Denn dort bekommen sie viele Anregungen und werden sportlich und musikalisch gefördert. Dabei kommt es im Gehirn zur Aktivierung von Genen, die Wachstumsfaktoren der Nerven herstellen, die dann ihrerseits für eine gute Entwicklung des Gehirns sorgen. Joachim Bauer fügt hinzu: „Kinder, die vernachlässig wurden oder Gewalt erlebt haben, zeigen im Vergleich dazu eine bis zu dreißigprozentige Verminderung ihrer grauen Substanz.“ Dass die soziale Umwelt das menschliche Gehirn formt, ist heute alles andere als eine gewagte Außenseiterhypothese, sondern Stand der modernen Neurowissenschaften. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.
„New Work“ ist der neue Megatrend
Gerade in einer zukunftsorientierten Arbeitswelt ist der enorme Bedarf an neuen Ideen und kreativen Innovationen unumstritten. Markus Hengstschläger erklärt: „Die Zukunft des Berufslebens sollte dieser Dualität von vorgegebenen, genauen Sollwerten folgender Arbeit und der Freiheit eines autonomen ergebnisoffenen Sich-Einbringens gerecht werden.“ Wenn man von Freiheit und Selbstständigkeit in der Arbeitswelt spricht, trifft man heute aber zuerst einmal auf den Begriff „New Work“, der von dem austro-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann entwickelt wurde. Dieser Megatrend läutet schon seit geraumer Zeit das angebliche Ende der alten Arbeitswelt ein. Die Auslöser sind so mannigfaltig wie unterschiedlich. Natürlich spielt die digitale Revolution, inklusive Konnektivität und Netzwerkkompetenz, dabei die entscheidende Rolle. Bestimmte Berufe verschwinden und andere werden neu entstehen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Hanno Sauer beschreibt die „Tragik der Allmende“
Probleme kollektiver Handlungen sind tatsächlich überall zu finden. Die vielleicht bekanntesten Beispiele stammen aus dem Kontext der Erschöpfung natürlicher Ressourcen. Hanno Sauer weiß: „Dieses Problem – vom schottischen Philosophen David Hume bereits im 18. Jahrhundert antizipiert – ist seit Garret Hardin als „Tragik der Allmende“ bekannt.“ Die Beobachtung des US-amerikanischen Ökologen: Natürliche Ressourcen, wie etwa Weiden oder Fischbestände, die nicht durch Eigentumsgrenzen parzelliert sind, werden tendenziell über ihre Kapazitätsgrenzen hinweg ausgebeutet. Unabhängig davon, wie sich die anderen verhalten – ob nachhaltig oder ebenfalls ausbeuterisch –, ist es für jeden Einzelnen die beste Strategie, die Ressource übermäßig auszunutzen. Die Vorteile dieses Fehlverhaltens kann jeder Einzelne selbst absorbieren; die Kosten werden an den Rest des Kollektivs „externalisiert“. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.
In der öffentlichen Debatte herrschen gegenseitige Schuldzuweisungen
In vielen Gesellschaften hat ein Klima der Unverzeihlichkeit Einzug gehalten. Man unterstellt einander von vornherein die schlechtesten statt die besten Absichten. Judith Kohlenberger fügt hinzu: „In der Krise ist man sich selbst der Nächste, was auch populistischer Stimmungsmache zupass kommt. In der öffentlichen Debatte herrschen gegenseitige Schuldzuweisungen, Unverständnis, Unversöhnlichkeit und Unbeherrschtheit.“ Das Level an gesellschaftlicher Empathie ist merkbar gesunken. Auch der Natur gegenüber zeigen sich viele Gesellschaften unerbittlich, wenden immer mehr Gewalt gegen sie an – und damit in letzter Konsequenz gegen sich selbst. Der Schutz der Außengrenzen der Europäischen Union (EU) wird brutaler. Gesunkene Flüchtlingsschiffe sind nur mehr dann eine Meldung wert, wenn die Opferzahl in die Hunderte geht. Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip).
Bildungsreformer wollten die Schulen aus der Politik herausnehmen
Michael J. Sandel blickt zurück: „Der Zerfall von Gemeinschaft und die Bedrohung der Selbstverwaltung um die Jahrhundertwende in den USA brachten im Großen und Ganzen zwei Reaktionen von Reformen der Progressiven Bewegung hervor – die eine prozedural, die andere formativ.“ Mit der ersten versuchte man, den Staat weniger von der Tugend in der Bevölkerung abhängig zu machen – dazu verlagerte man Entscheidungen zu qualifizierten Managern, Verwaltern und Fachleuten. Städtische Reformer bemühten sich darum, die Korruption urbaner Parteichefs zu umgehen – dazu etablierten sie Stadtverwaltungen mit überparteilichen Bevollmächtigten und Schuldirektoren. Bildungsreformer bemühten sich, Schulen aus der Politik herauszunehmen – dazu verlagerten sie Autorität von ortsansässigen Bürgern auf fachkundige Verwalter. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
In den Krisen der Gegenwart müssen die Menschen ständig abwägen
Finanz-, Corona-, Flüchtlings-, Klima- … – was folgt, ist die „Krise“. Was haben die Krisen der Gegenwart gemeinsam? Maren Urner erklärt: „Wir haben das Gefühl, ständig abwägen zu müssen. In der Finanzkrise des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends ging es um die vermeintliche Entscheidung zwischen Systemeinbruch und Bankenrettung.“ Der viel zitierte Slogan „Too big to fail“ – also zu große und zu wichtig, um zu scheitern, steht sinnbildlich für eben diese Diskussion um Bankenrettungen und Menschen, die alles verloren haben. Während also die einen mit Pappkarton unterm Arm, aber mit einem gemütlichen Polster auf dem Konto ihre Büros in London, New York und Frankfurt räumen, landen andere auf der Straße. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Eine vulnerable Gesellschaft ruft nach einem schützenden Staat
Annahmen von Vulnerabilität wirken sich daraus aus, wie von gesellschaftlicher Seite mit Risiken umgegangen wird. Von zentraler Bedeutung für eine vulnerable Gesellschaft ist daher auch die Wahrnehmung von Risiken und die Frage, wie diese verarbeitet werden. Dabei möchte Frauke Rostalski dafür argumentieren, dass wachsende Zuschreibungen von Verletzlichkeit dazu führen, dass die eigenverantwortliche Risikobewältigung mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Begreifen sich Menschen zunehmend als vulnerabel, liegt es nahe, dass sie im Umgang mit Risiken nach externer, vor allem staatlicher Unterstützung verlangen. In den Worten der Philosophin Svenja Flaßpöhler: „Je empfindsamer der Mensch für Gewalt, Leid, Tod wird, desto größer das Begehren, diese Gefahren verlässlich zu bannen. Je sensibler eine Gesellschaft, desto lauter der Ruf nach einem schützenden Staat.“ Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie, Wirtschaftsrecht, Medizinstrafrecht und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln.
Dem Fremden gegenüber fehlt eine grundlegende Zugewandtheit
Den sprichwörtlich „anderen“ gegenüber fehlt gegenwärtig eine grundlegende Zugewandtheit als Voraussetzung für Nähe und Verbundenheit. Judith Kohlberger nennt Beispiele: „Das zeigt sich im Umgang mit Geflüchteten und Migranten, Marginalisierten und Minderheiten, Obdachlosen und Arbeitslosen, den Exkludierten und „Überflüssigen“ unserer Zeit.“ Das geschieht nicht nur im persönlichen Umgang und in der Sprache, sondern auch in der Verrohung von Institutionen und der schleichenden Unterwanderung des demokratischen Grundkonsenses. Die Einheimischen sind hart an der Grenze – im tatsächlichen wie auch im übertragenen Sinne. Der Fremde soll draußen bleiben. Es gibt jedoch ein Gegenmodell: Offen sein und werden für die Erfahrung, Erlebnisse und Lebensrealitäten des anderen, der dann so anders gar nicht mehr ist – diese grundlegende Zugewandtheit kann persönliche Haltung wie politische Maxime gleichermaßen sein. Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip).
Alle Menschen gehören zu einer Kulturgemeinschaft
Erste Quelle der Freiheit ist die gesellschaftliche Herkunft des Menschen und seine Zugehörigkeit zu einer Kulturgemeinschaft. In seiner Freiheit ist der Mensch nicht allein. Paul Kirchhof erklärt: „Ihn leitet die Erfahrung des allen Menschen Gemeinsamen: Er erlebt anfangs unbewusst, dann selbstbewusst das Wachsen seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten von der Kindheit bis zum Erwachsensein, ist dabei eingebettet in eine Familie, ein kulturelles Umfeld, eine Rechts- und Sozialordnung, die ihn leitet und bei fehlerhaften, auch bei noch unverantwortlichem Handeln auffängt.“ Er wächst in eine Kultur elterlich und schulisch vermittelter Lebenssicht und Lebenserfahrung hinein, die ihn den Freiheitsgebrauch in wechselnden Zeiten lehrt. Er lebt in Konventionen – der Zusammenkunft von Menschen, die ihre Zukunft aus einer gemeinsamen Herkunft gestalten. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Kulturelle Vielfalt vergrößert die individuelle Freiheit
Amartya Sen stellt fest: „Die Freiheit, an der eigenen ethnischen Lebensweise festzuhalten, etwa was die Nahrungsgewohnheiten oder die Musik angeht, kann gerade infolge der Ausübung kultureller Freiheit die kulturelle Vielfalt einer Gesellschaft erhöhen.“ Die kulturelle Vielfalt ergibt sich in diesem Fall als unmittelbare Konsequenz aus der Wertschätzung der kulturellen Freiheit. Vielfalt kann auch für die nicht direkte Betroffenen eine positive Rolle spielen, indem sie deren Freiheit vergrößert. Eine kulturell vielfältige Gesellschaft kann für andere in dem Sinne vorteilhaft sein, dass sie aus einer großen Vielfalt von Erfahrungen schöpfen kann. Wenn es jedoch allein um die Freiheit – einschließlich der kulturellen Freiheit – geht, kann der kulturellen Vielfalt keine unbedingte Bedeutung zukommen. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Das mittlere Lebensalter stellt den Inbegriff des Menschseins dar
Die Rede vom „Erfolg“ beim Altern ist nicht unproblematisch, denn sie suggeriert, dass der Alterungsprozess allein eine Frage der eigenen Verantwortung ist. Barbara Schmitz stellt fest: „Dabei wird ausgeblendet, dass ich nicht alles in der Hand habe, was mein Altern betrifft. Dies gilt insbesondere auch für Demenz, die als „erfolgloses Altern“ stigmatisiert werden kann, was dann wiederum Scham bei den Betroffenen erzeugen kann.“ Hinter dem Bild vom erfolgreichen Altern steckt im Grunde ein Idealbild vom Menschen. Der Gerontologe Andreas Kruse hat darauf hingewiesen, dass in unserer Gesellschaft der Mensch im mittleren Lebensalter, also zwischen 30 und 60, den Inbegriff des Menschseins darstellt. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.
Frauke Rostalski kennt die Kennzeichen einer vulnerablen Gesellschaft
Jeder Mensch ist verletzlich. Menschen können einander Wunden zufügen – physische wie psychische. Sie können krank werden, in wirtschaftliche Not geraten, einsam sein. Pandemien und Naturkatastrophen bedrohen den Wohlstand und die Existenz. Jeder muss eines Tages sterben. Frauke Rostalski ergänzt: „In ihrer Verletzlichkeit sind die Menschen unweigerlich aufeinander angewiesen. Das Kleinkind wird von seinen Eltern auf jedem seiner Schritte begleitet. Es wird gefüttert, an die Hand genommen, getragen.“ Der alten Mensch bedarf selbst wieder der Unterstützung durch andere, die seinen Arm halten und ihm den Alltag erleichtern, manches Mal auch erst ermöglichen. Wer schwer krank wird, ist auf Pflege angewiesen. Verletzlich sind auch diejenigen, die sich selbst nicht so fühlen. Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie, Wirtschaftsrecht, Medizinstrafrecht und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln.
Die Eliten wollen die ihnen zugestandenen Privilegien erhalten
Wer sich genauer mit dem Phänomen der körperlichen und geistigen Identität, also der Gleichheit der Menschen beschäftigt, bemerkt hier eine der Hauptprobleme unserer Gesellschaft. Ille C. Gebeshuber erklärt: „Die etablierte Elite ist stets bestrebt, die ihr zugestandenen Privilegien für sich und ihre direkten Nachkommen zu erhalten. Dazu ist es notwendig, den freien Wettbewerb in der Gesellschaft massiv einzuschränken.“ Die Mitglieder der Elite werden gesellschaftliche und kulturelle Unterschiede schaffen, die sich mit der Zeit zu Zugangskriterien entwickeln. Diese Unterschiede sind in unserer modernen Gesellschaft zwar immer noch extrem stark ausgeprägt, aber sie sind weniger sichtbar als anno dazumal, weil Objektivierung und Leistung eine hohen Stellenwert genießen. In der digitalen Zukunft werden diese Unterschiede für Außenstehende noch weniger sichtbar sein. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.
Die Emanzipierten solidarisieren sich in wachsenden Bündnissen
In der Gegenwart präsentieren Soziale Netzwerke viel unreflektierten Mist, schlecht Informierte, Selbstdarstellung, Wut und Hass. Aber sie sind auch der Ort eines neuen Gewissens, das Menschen daran erinnert, dass es die Interessen, das Engagement und eine Achtsamkeit für die Belange von Individuen gibt, die früher nicht gehört wurden. Hadija Haruna-Oelker ergänzt: „Es ist ein Ort, dem Medien heute vermehrt Gehör schenken, und der deshalb in den Mainstream, in das breite Publikum, also in die Mitte gewandert ist. Und auch, wenn sich manche in Kämpfen verlieren, hat auch diese Art der Auseinandersetzung seine Berechtigung.“ Denn solange eine Anerkennung der Anliegen bestimmter Gruppen nicht selbstverständlich ist, wird es Identitätspolitik geben. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.
Die Bevölkerung wird immer älter: Ursachen, Auswirkungen und Chancen des demografischen Wandels
Der demografische Wandel gehört zu den bedeutendsten Herausforderungen, denen sich viele Gesellschaften weltweit gegenübersehen. Ein Phänomen, das besonders in Industrieländern auffällt, ist die Alterung der Bevölkerung. Die Menschen leben länger und es werden weniger Kinder geboren, wodurch der Anteil älterer Menschen stetig zunimmt. Die Ursachen und Auswirkungen sind vielschichtig. Es werden umfangreiche Maßnahmen notwendig sein, … Weiterlesen