In der Muße sammelt sich Gelassenheit

„Muße ist der Zustand des Menschen, in dem sich Gelassenheit sammelt“, so Paul Kirchhof. Im antiken Griechenland war die Muße – im Gegensatz zur politischen, militärischen und wirtschaftlichen Praxis – eine Voraussetzung für erfolgreiches staatspolitisches Handeln. Der freie Bürger und die Aristokratie entwarfen Handlungspläne und Strategien für ihr zukünftiges Handeln. Sie gingen dank ihrer Mußestunden wohl vorbereitet, abwägend und überzeugend an ihre jeweiligen Aufgaben. Später war für den Adel die Muße Einstimmung auf militärische und politische Aufgaben. Der Klerus suchte einen Ausgleich zwischen der absichts- und eigenschaftslosen Muße und dem Dienst an Gott und den Menschen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.

Muße darf nicht mit trägem Müßiggang verwechselt werden

Doch Muße ist nicht nur Ungebundenheit, Unbeschwertheit, Offenheit für Kunst und Religion, sondern wird teilweise auch als träger Müßiggang verstanden. Dieser Zeitvertreib ist dem Bürger von Athen wie dem mittelalterlichen Ritter nicht erlaubt. Er ist auf den Kampf um die Ehre verpflichtet. Trägheit verweichlicht, raubt dem Trägen gesellschaftliches Ansehen. Paul Kirchhof fügt hinzu: „Laster und Lotterleben, die Untugend der Untätigkeit widersprechen der Tugend der Tätigkeit.“

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Untätigkeit kann das Denken und Ergründen weiten, aber auch als Weg zur Selbstbezüglichkeit, zur Unverantwortlichkeit gelebt werden. Das protestantisch geprägte Bürgertum dagegen, insbesondere die Kaufmannschaft, überhöhte die Arbeit durch ein Pflichtethos zum „Beruf“. Die Muße wurde eher zum Müßiggang. Der Müßige verweigerte einen Beitrag zum Gelingen der Erwerbsgesellschaft. Mit der Industrialisierung veränderte sich jedoch der Gedanke der Muße grundlegend. Freizeit entwickelte sich zu einer Kernforderung gegen Zwang und Ausbeutung der Arbeiterschaft.

Die Muße suchte sich ihre eigenen Orte und Tageszeiten

Anfang des 20. Jahrhunderts suchten die „feinen Leute“ demonstrativ Formen des ersichtlichen Nicht-arbeiten-Müssens, des Konsums und der Zerstreuung um ihrer selbst willen. Man flanierte, traf sich in Schaubezirken der besseren Gesellschaft, erfreute sich an Kunst und Musik und der eigenen Teilhabe an der Kultur. Diese Muße war eine Form der Selbstdarstellung und auf Sehen und Gesehenwerden angelegt. Zudem war sie absichtsvoll zur Erholung und Kontrolle der eigenen Neigungen und Affekte eingesetzt.

Der Mensch sinnierte nicht mehr über die Frage: „Was ist der Mensch?“ Ihn faszinierte die Frage „Wer bin ich?“ Die Muße wurde nicht ohne Raum und Zeit genossen. Sie suchte sich ihre eigenen Orte und Tageszeiten. In denen konnte sich der Mensch von der Unruhe des Alltags abwenden, sich aber auch einer neuen Zielorientierung widmen. Das moderne Bürgertum entzieht sich seiner Arbeitswelt zeitweise in Gegenwelten. Es meidet belastende Außeneinflüsse beim gemeinsamen Diskutieren in Salons, im Ruheraum einer Bibliothek, beim Spaziergang in der „freien Natur“ oder in der Sauna. Quelle: „Beherzte Freiheit“ von Paul Kirchhof

Von Hans Klumbies