Die Gelassenheit zählt zu den vier Kardinaltugenden

Das, was viele Menschen suchen, um genügend Spielraum für ihre Handlungen zu gewinnen, die mehr sein sollen als reine Reaktionen auf Stressmomente, ist offenbar nicht der Zustand der Entspannung, sondern eher eine innere Haltung, die Ina Schmidt mit dem Begriff „Gelassenheit“ definiert: „Die Gelassenheit beschreibt eine Tugend, die schon in der Antike mit dem Begriff der Seelenruhe beschrieben wurde, nicht weil sie all das, was zu tun ist, loslässt, sondern weil sie uns befähigt, auch in emotionalen Stürmen den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren und handlungsfähig zu bleiben.“ In der platonischen Schule gehört die Gelassenheit zu den vier Kardinaltugenden für ein gelingendes Leben – neben der Weisheit, der Tapferkeit und der Gerechtigkeit. Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.

Die Gelassenheit sorgt für inner Ruhe und Selbstwirksamkeit

Allerdings wird der griechische Begriff „Sophrosyne“, den Platon verwendet, im Deutschen sowohl mit Gelassenheit als auch mit Besonnenheit übersetzt, und wenn diese Begriffe sich auch sehr ähneln, schreibt man ihnen dennoch unterschiedliche Qualitäten zu. Ina Schmidt erläutert: „Die Gelassenheit sehe wir eher als etwas an, was uns im Umgang mit unseren Emotionen zu einer Haltung verhilft, die uns trotz aller gefühlten Höhen und Tiefen ein Gefühl der inneren Ruhe und Selbstwirksamkeit nicht verlieren lässt.“

Ina Schmidt fährt fort: „Es geht hier mehr um eine innere Haltung, einen „seelenruhigen“ Zustand, der seinem Ursprung nach viel damit zu tun hat, dass wir uns in dem „Glauben“ an das, was gut werden wird, beruhigen können.“ Der Besonnenheit schreibt man eher eine handelnde Qualität zu – man ist gelassen, handelt aber besonnen. Bei der Gelassenheit ist man erst einmal sicher, dass es sich dabei um etwas Gutes handelt, bei der Besonnenheit ist es etwas weniger eindeutig. Die Besonnenheit ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Langsamkeit.

Das Streben nach Gelassenheit beschreibt den Kern der stoischen Philosophie

Die Besonnenheit meint das, was entsteht, wenn man aus der Haltung der Seelenruhe heraus seine Vernunftbegabung im besten Sinne nutzt, um etwas zu tun – letztlich aber aus guten und überlegten Gründen – und so behält sie eher einen Bezug zu den geistigen Fähigkeiten eines Menschen. Das Streben nach Gelassenheit dagegen ist nicht nur eine platonische Tugend, sondern beschreibt auch den Kern der stoischen Philosophie, einer Denkschule, die um 300 v. Chr. Von Zenon von Kition begründet wurde – in einer Säulenhalle mitten in Athen.

Einer ihrer wichtigsten Vertreter war etwa drei Jahrhunderte später der römische Philosoph Seneca, der davon überzeugt war, dass die Gelassenheit einem Menschen hilft, im Umgang mit den Wirren des Gefühlslebens, den Trieben und Begehrlichkeiten zu mehr Seelenruhe zu gelangen. Die sogenannte Affektfreiheit – die Ataraxie – galt den Stoikern letztlich als Ziel allen philosophischen Strebens. Ina Schmidt schränkt ein: „Das, was auch Seneca beispielsweise in seinen Überlegungen „De ira“ – Über den Zorn – deutlich macht, ist, dass wir unsere Gefühle durchaus ausleben können oder sogar müssen, dass wir uns aber hüten sollten, in Momenten des Zorns oder anderer Gefühlsausbrüche wichtige Entscheidungen zu treffen.“ Quelle: „Das Ziel ist im Weg“ von Ina Schmidt

Von Hans Klumbies

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