Der Achtsame konzentriert sich ganz auf das Hier und Jetzt

Achtsamkeit beschreibt einen Prozess, bei dem „die Aufmerksamkeit nicht-wertend auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist“, schreibt Ute Anderssen-Reuster im „Handbuch der Achtsamkeit“. Der Experte für Achtsamkeit, Yoga-Lehrer und ehemalige Professor für Molekularbiologie aus Massachusetts Jon Kabat-Zinn definiert Achtsamkeit wie folgt: „Achtsamkeit ist die Kunst, sich durch Meditation ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, unseren Geist so zu schärfen, dass wir unser volles Potential ausschöpfen.“ Diese Kunst der achtsamen Betrachtung ist eng verwandt mit Aspekten der unterschiedlichsten Weisheitslehren und hat wenig mit dem zu tun, was oftmals im großstädtischen Zeitgeistgeträller davon übrig bleibt. Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.

Der achtsame Geist darf nicht zum Zeitgeist verkommen

Östliche Weisheitslehren stellen regelmäßige und strenge Praktiken der Meditation in den Mittelpunkt ihrer Lebensweise, um einen achtsamen Umgang mit sich und der Welt erlernen zu können. Sie sind damit weit entfernt von einem Nichtstun im Sinne moderner Ideale der Freiheit. Aber auch die westliche Philosophie kennt die Praxis einer Wesensschau, wenn auch weniger in Verbindung mit körperlichen Praktiken und Übungen. Die meisten haben dabei weniger das Ziel eines erfolgreichen Lebens im Blick als vielmehr das Erlernen einer Praxis, einer bestimmten verstehenden Sichtweise auf die Welt.

Ina Schmidt stellt fest: „Der Gedanke, gut auf etwas oder sich achtzugeben, trägt einen weiteren Aspekt in sich, der bei der Verknüpfung von Achtsamkeit und ganz persönlicher Glückssuche oft zu kurz kommt, nämlich die Frage nach der Achtung, die ich den Dingen oder auch mir selbst entgegenbringe.“ Und um etwas achten zu können, muss man es erst einmal kennenlernen. Dafür braucht es zweierlei: Zeit und Geist – was eben nicht auf die Schnelle zum „Zeitgeist“ verkommen darf.

Besonnenheit ist eine Quelle für die innere Stabilität

Die Zwillingsschwester der Gelassenheit ist die Besonnenheit. Was bedeutet es, auf eine besonnene Art zu handeln? Der Philosoph Wilhelm Dilthey beschrieb in seiner „Einleitung in die Geisteswissenschaften“ (1883) die Philosophie selbst als „Besonnenheit“, in der sich die menschliche Selbstbestimmung mithilfe des begrifflichen Denkens ihres Handelns bewusst werde – mit dem Ziel, am Ende ein erfülltes, ein glückliches Leben zu führen. In der platonischen Seelenlehre verhilft die Besonnenheit zu einem gelingenden Miteinander von Vernunft und Weisheit, Mut und Tapferkeit sowie Erwerbsinn und Begehrlichkeit.

Diese drei Bereiche finden sich nach Platon in unterschiedlichen gesellschaftlichen Ständen ebenso wieder wie in den drei Seelenteilen jedes einzelnen Menschen. Die Besonnenheit ist also sowohl eine gesellschaftliche Kraft als auch eine Quelle für die innere Stabilität sowie einem Gefühl von Zufriedenheit und Gesundheit. Bei der Besonnenheit geht es zudem um ein Tun, dass sich seiner Sache sicher ist, ein kluges Handeln, das weiß, wann etwas zu tun ist, auch wenn es nicht immer weiß, was. Quelle: „Das Ziel ist im Weg“ von Ina Schmidt

Von Hans Klumbies

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