Resilienz steht im Gegensatz zu Immunität

Die Fähigkeit, Krisen zu überstehen, trägt die Vulnerabilität in sich. Resilienz geht bei Friedrich Nietzsche hervor aus einer real erfahrenen Verwundung. Und sie sensibilisiert das Bewusstsein für die grundsätzliche Krisenanfälligkeit der menschlichen Existenz. Denn Erschütterungen sind unausweichlich. Sie lassen sich nicht verhindern, sondern nur überstehen. Svenja Flaßpöhler stellt fest: „Damit steht die Resilienz in einem interessanten Gegensatz zu einer anderen Form der Abwehrkraft: der Immunität. Wer immun ist, ist unangreifbar. Krankheit und Krise fechten den Immunisierten gar nicht an.“ Übertragen auf gesellschaftliche Systeme, steht die Immunität für starke Außenmauern und eine rigide Sicherheitspolitik. Was dem Organismus zu schaden droht, wird unschädlich gemacht. Resilienz, so könnte man zugespitzt sagen, ist das demokratische Prinzip der Krisenbewältigung. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“.

Statische Systeme sind instabil

Dagegen gemahnt Immunität eher an das autokratische Prinzip der Krisenvermeidung. Friedrich Nietzsche war eindeutig kein Immunitätsdenker. Vielmehr rief er dazu auf, auch schreckliche Ereignisse weder zu bedauern noch zu fürchten noch zu bannen, sondern sie willkommen zu heißen und in das eigene Selbst willentlich als Schicksal zu übernehmen. Nämlich das „es war“ umzuschaffen in ein „so wollte ich es!“, wie es in „Also sprach Zarathustra“ heißt.

Es ist gerade diese pathische Dimension, dieses Auf- und Abnehmen des Schrecknisses, das den Kern der nietzscheanischen Resilienz ausmacht. Svenja Flaßpöhler erläutert: „Statische Systeme sind instabil, wie sie nicht gebaut sind für außergewöhnliche Vorkommnisse. Ihnen fehlt die Dynamik, die Bewegungs- und Reaktionsmöglichkeit.“ Das Gegenteil von statischen Systemen sind antifragile Systeme. Sie sind offen für das, was widerfährt. Der Begriff der Antifragilität stammt von dem Ökonomen Nassim Taleb, und es unübersehbar, wie tief Friedrich Nietzsches Einsichten hier wirken.

Aus der Wunde erwächst die Kraft

Antifragile Systeme, so Taleb, „profitieren von Erschütterungen; wenn sie instabilen, vom Zufall geprägten, ungeordneten Bedingungen ausgesetzt sind, wachsen und gedeihen sie (…)“. Das krisenhafte Moment wird integriert und das System als Ganzes transformiert. Aus der Wunde erwächst die Kraft. Gleichzeitig wohnt der Resilienz Friedrich Nietzsches zufolge selbst ein Moment der Unverfügbarkeit inne. Ob man sie besitzt oder nicht, liege, so der Denker, durchaus nicht in der eigenen Macht.

Voraussetzung ist vielmehr die Existenz einer „plastischen Kraft“, die dazu befähigt, „aus sich selbst heraus zu wachsen“. Damit kann man Fremdes und Vergangenes umbilden und sich einzuverleiben, Wunden ausheilen und Verlorenes ersetzen. Svenja Flaßpöhler erklärt: „Was Friedrich Nietzsche als Glücksache oder Privileg ansah, bekommt später bei Sigmund Freud einen anthropologischen Zug.“ Den Triebgrund der Abwehrkraft findet der Begründer der Psychoanalyse in der menschlichen Natur. Quelle: „Sensibel“ von Svenja Flaßpöhler

Von Hans Klumbies

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