Tim Parks reist ins Zentrum des Denkens

Tim Parks reist in seinem neuen Buch „Bin ich mein Gehirn?“ in das menschliche Zentrum des Denkens. Dabei konfrontiert er philosophische und neurowissenschaftliche Theorien mit seinen eigenen Erfahrungen. Die meisten Philosophen gehen davon aus, dass die Erfahrung eines Menschen in seinem Gehirn eingeschlossen ist und die äußere Realität unzuverlässig repräsentiert. Farbe, Geruch, Klang, heißt es, ereignen sich nur im eigenen Kopf. Wenn Neurowissenschaftler das Gehirn untersuchen, finden sie nur Milliarden von Neuronen. Diese tausche elektrische Impulse aus und setzen chemischen Substanzen frei. Die Idee zu seinem Buch entwickelte Tim Parks nach einem zufälligen Gespräch mit Riccardo Manzottis radial neuen Theorie des Bewusstseins. Er erzählt dabei die erstaunliche Geschichte eines Paradigmenwechsels. Tim Parks ist ein britischer Schriftsteller und Übersetzer, der seit 1981 in Italien lebt.

Riccardo Manzotti spricht vom ausgedehnten Geist

David Hume (1711 – 1776) brachte die Vorstellung voran, dass das, was man das Ich nennt, tatsächlich nur ein Bündel von Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken ist. Die zeitgenössische Kognitionswissenschaft meint dazu folgendes: „Wir sind das Gehirn, das nicht in Gestalt eines Ichs daherkommt, sondern als riesiges Heer von kleinen Ichs oder Instanzen, deren kollektive Handlungen das erzeugen, was von außen betrachtet so wirkt, als sei es ein und dieselbe Person.“

Laut Riccardo Manzotti spannt sich der Geist auf zwischen dem Körper des Wahrnehmenden und dem wahrgenommenen externen Subjekt. Deshalb nennt er seine Theorie „The Spread Mind“, die des ausgedehnten Geistes. Sobald man dabei einen Teil des Prozesses ausschaltet, erlischt auch die Erfahrung. Denn das Erleben wird zwischen Wahrnehmungssystem und der Welt möglich. Eigentlich ist es aber im wahrgenommenen Objekt verortet, ja es ist sogar mit diesem identisch.

Zwischen dem Selbst und der Erfahrung gibt es nichts

Das Entscheidende bei der Spread-Mind-Theorie ist, dass es nie etwas zwischen dem eigenen Selbst und dem Objekt der persönlichen Erfahrung gibt. Dabei ist es egal, ob es vergangen oder gegenwärtig ist. Es gibt dabei keine Bilder und keine Repräsentationen. Tim Parks erläutert: „Du bist deine Erfahrung, und deine Erfahrung ist die Welt, in der du dich bewegst. Träume und Halluzinationen sind nur verzögerte Erfahrungen. Die Welt, in der du dich bewegst, bist du selbst.“

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Körper und Welt im Hinblick auf ihr Verhältnis zum Geist. Es ist eine Tatsache, dass der Körper sowohl Objekt als auch Instrument der Wahrnehmung ist, während der Körper nicht identisch mit dem Geist oder dem Bewusstsein ist. Am Ende seines Buches fordert Tim Parks seine Leser dazu auf, alles was sie über das Bewusstsein lesen, seien es etablierte Theorien oder aufregende neue Gedankengänge, mit den eigenen persönlichen Erfahrungen abzugleichen. Jeder sollte dabei darüber nachdenken, wie es sich tatsächlich anfühlt, auf der Welt zu sein.

Bin ich mein Gehirn?
Dem Bewusstsein auf der Spur
Tim Parks
Verlag: Kunstmann
Gebundene Ausgabe: 297 Seiten, Auflage: 2021
ISBN: 978-3-95614-388-5, 25,00 Euro

Von Hans Klumbies

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