Der Arche Literaturkalender ist ein Klassiker. Auch 2026 ist er der unverzichtbare Begleiter durch das literarische Jahr. Herausgeberin Angela Volknant versammelt unter dem Thema „Herz und Verstand“ bekannte Autorinnen und Autoren aus aller Welt, aber auch solche, die es noch zu entdecken gilt. Zu den weltberühmten Autoren zählt ohne Zweifel James Joyce. „Sein Herz tanzte auf ihren Bewegungen wie ein Korken auf einer Welle. Er hörte, was ihre Augen unter dem Schal zu ihm sagten, und wusste, dass er in irgendeiner dunklen Vergangenheit, sei es im Leben oder in der Träumerei, ihre Geschichte schon einmal gehört hatte.“ Schon der Debütroman „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce lässt erahnen, dass hier ein Schriftsteller großen Formats die Bühne betritt.
Stendhal
Die Grausamkeit ist ein gängiges Thema in der Literatur
Für die subjektive Dimension der Diskursgeschichte der Grausamkeit stellt Robert Musils Kurzroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ ein besonders anschauliches Exemplar dar. Die Annäherung an dieses frühe Meisterwerk erfolgt jedoch auf einem Umweg, bei dem einige Autoren vor Musil zur Sprache kommen. Ausgegangen wird von Stendhals Roman „Rot und Schwarz“, der während der Restaurationsperiode zwischen 1815 und 1830 spielt. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „Der Held der Geschichte, der gesellschaftliche Emporkömmling Julien, streitet sich in einer Szene in einem Salon mit dem italienischen Grafen Altamira über den französischen Revolutionär Danton, aber eigentlich dreht sich das Gespräch um Selbstbehauptung, Stolz des männlichen Geschlechts, sozialen Status und nicht zuletzt auch um Grausamkeit.“ Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
Stendhal hat seinem Ich nicht die geringste Ahnung
Am 24. November 1834 beginnt Stendhal, zu dieser Zeit französischer Konsul in Civitavecchia in der Nähe von Rom, mit seiner Autobiographie „Leben des Henri Brulard“. Er schreibt: „Ich werde vielleicht, wenn dieses Buch beendet ist, in drei oder vier Jahren, endlich wissen, was ich gewesen bin, heiter oder traurig, ein Mann von Geist oder ein Dummkopf, beherzt oder ein Feigling und schließlich im ganzen glücklich oder unglücklich.“ Rüdiger Safranski ergänzt: „Der da über sich selbst schreiben will, gibt vor, nicht zu wissen, wer und was er eigentlich ist.“ Ähnlich heißt es seinem ungefähr zwanzig Jahre früher in Italien entstandenen Werk „Rom, Neapel und Florenz“, dem ersten Buch, das unter dem Pseudonym Stendhal erschien: „Was ist das Ich? Ich habe nicht die geringste Ahnung …“ Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Claude Simon revolutioniert die europäische Romankunst
Der Schriftsteller Claude Simon entwickelt in seinen Geschichten Erzählformen und Satzkonstruktionen, die nach Marcel Proust und James Joyce, dem europäischen Roman eine neue Form geben. Dafür hat Claude Simon im Jahr 1985 den Nobelpreis für Literatur erhalten. In den Romanen „Der Wind“ (1957) und „Das Gras“ (1960) wendet der Autor schon die für ihn typischen langen Sätze an, die alle Konventionen des Satzbaus zertrümmern. In seinem siebten Werk „Die Straße in Flandern“ (1960) löst Claude Simon auch die überkommene Form des Romans ab. Er nimmt Abschied von psychologisch kausaler Schlüssigkeit, Chronologie und Handlung. Stattdessen konfrontiert er seine Leser mit in einen suggestiven Mahlstrom rotierender und immer wieder variierten Bilder, der in die Tiefen des Lebens vordringt, wie es zuvor in der europäischen Literatur nicht dagewesen ist.
Stendhals Romane erzeugen ein Gefühl des Glücks
Der französische Philosoph Alain erkannte, dass der Schriftsteller Stendhal ganz und gar kein Bürger im üblichen Sinne war. Er schrieb: „Die Tyrannen, ob groß oder klein, fürchten dieses skandalöse Beispiel eines Mannes großen Stils, der vor nichts Respekt hat.“ Laut Alain nahm Stendhal die Götter der Politik nicht ernst, ob sie nun Staat oder Vaterland hießen. Er machte sich über die Macht lustig und verlachte die Wichtigtuer. Seine Götter waren der Mut, die Ehre, die Liebe und die Freundschaft. In den zwei großen Romanen von Stendhal sieht Alain zwei Muster der Schönheit, und zwar ohne jede Einschränkung. Alain sagt: „Die ersten Seiten der Kartause von Parma reißen mich mit wie der schönste Gesang Homers. Schlichtheit, Jugend, Poesie, all dies kommt darin dem großen Augenblick gleich.“
Stendhal unterscheidet vier Arten der Liebe
Stendhal versuchte sich in seinen Schriften über die Liebe über jene Leidenschaft klar zu werden, deren aufrichtige Äußerungen stets das Merkmal der Schönheit tragen. Der Philosoph und Schriftsteller unterscheidet vier verschiedene Arten der Liebe. Als erstes nennt er die Liebe aus Leidenschaft, zu der er die Liebe der portugiesischen Nonne, die Liebe der Heloïse zu Abaelard zählt. An die zweite Stelle setzt Stendhal die Liebe aus Neigung, die in Paris um 1760 Mode war. Man findet sie in den Romanen und Memoiren jener Zeit, bei Crébillon, Lauzun, Cuclos, Marmontel, Chamfort, Frau von Epinay und anderen mehr.