Den Konservatismus zeichnet eine große Vielgestaltigkeit aus

Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt den Titel: „Konservatismus. Eine bewahrenswerte Haltung?“ Chefredakteur Jana Glaese schreibt im Editorial: „Anstatt jeden Trend mitzumachen, lässt sich der Konservative nicht so leicht beeindrucken. Sobald Skepsis und die Sehnsucht nach dem Alten alles Neue unterdrücken, läuft diese Grundhaltung allerdings Gefahr, ins Reaktionäre zu kippen.“ Umso dringlicher stellt sich die Frage, was eine demokratische Gesellschaft von Konservatismus erwarten kann. Ein Konservatismus in Bestform vermag es, Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Fortschritt zu verschränken. Denn: Nur wer das Alte kennt, kann virtuos Neues schaffen. Und nur wer sieht, was sich ändern muss, kann sich Bewährtes zunutze machen. Tradition und Transformation sind nicht notwendig Gegensätze. Im festen Fall gehen sie Hand in Hand. Diese Ausgabe widmet sich deshalb der konservativen Denkströmung in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit.

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Jeder kennt die Schlüsselbegriffe der politischen Moderne

Im frühen 19. Jahrhundert erblickten die Schlüsselbegriffe der politischen Moderne das Licht der Welt. Harold James kennt sie: „Neben Nation und Nationalismus auch Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, Kapitalismus und Demokratie.“ Der letzte Begriff, Demokratie, ist natürlich viel älter, doch der Begriff wurde damals auf neue Weise im Kontext einer anderen Organisationsform – großanlegte Wahlen anstelle von Losverfahren für die Vergabe politischer Ämter – wiederentdeckt. Daher hatten die demokratischen Debatten kaum noch etwas mit dem antiken Athen oder den spätmittelalterlichen Stadtstaaten Italiens zu tun. Wir denken auch heute noch in Ismen und aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte sind diese Begriffe auf ebenso seltsame wie komplexe Weise miteinander verflochten und voneinander abhängig. Sie atmen diese intellektuelle Luft. Harold James hat eine Lehrstuhl für Geschichte an der Princeton University inne und ist Professor für Internationale Politik an der dortigen School of Public and International Affairs.

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Drei amerikanische Denkströmungen stecken hinter dem Trumpismus

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 06/2024 spürt der Frage nach, woher der Trumpismus in Amerika kommt. Donald Trump lügt, pöbelt und bricht Recht. Trotzdem wird er von seinen Anhängern gefeiert und hat Chancen, im November wieder zum Präsidenten gewählt zu werden. Wie ist das möglich? Drei US-amerikanische Denkströmungen, der Konservatismus, ziviler Ungehorsam und der Pragmatismus haben dem Trumpismus den Boden bereitet. So gibt es in der US-amerikanischen Historie konservative Geister, die den Eliten und Institutionen misstrauen und empfahlen, Ordnungen zu zerstören und neue zu errichten. Daneben existiert eine vielschichtige Theorie zivilen Ungehorsams, die bestimmte Rechtsbrüche als progressiv begreift. Und zur US-amerikanischen Philosophiegeschichte zählt auch der Pragmatismus, der Wahrheit nicht als etwas Objektives begreift, sondern als das, was nützlich ist. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer den Trumpismus wirksam bekämpfen will, muss zuerst seine philosophische Schattenseite begreifen.“

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Der Rechtspopulismus ist eine Gefahr für die Demokratie

Der Rechtspopulismus denkt partikularistisch. Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichheit gelten für Rechtspopulisten nur innerhalb der eigenen Gruppe: der Nation, der Steuerzahler, des Abendlandes. Kulturen und Identitäten sollen sich nicht vermischen. Das Fremde soll draußen bleiben, gerade weil die Welt so befremdlich geworden ist: der Fremde, die fremde Religion oder Lebensweise, der fremde Gedanke. Die mal latente, mal aggressive Ausländerfeindlichkeit der rechtspopulistischen Bewegung ist das auffälligste Symptom der Sorge um den Verlust der Identität. Sie muss in Abgrenzung zum Anderen gesichert und neu hergestellt werden. Der neue Rechtspopulismus ist keine konservative Bewegung. Er setzt im Gegenteil auf die Veränderung der Gesellschaft; darauf weist der Münchner Soziologe Armin Nassehi hin. Zwar stehen im Programm der AfD viele Forderungen aus dem klassischen Repertoire des Konservatismus. Wenn man die Forderungen aber zu Ende denkt, geht es bei ihnen weder um die Bewahrung des Bestehenden noch um die Wiedergewinnung des Verlorenen.

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Andreas Wirsching erklärt das westeuropäische Parteiensystem

In der Geschichte der europäischen Demokratie gehört es laut Andreas Wirsching zu den wichtigsten Funktionen von Parteien, das Massenpublikum in den demokratischen Prozess der Willensbildung zu integrieren. Andreas Wirsching schreibt: „Parteien bilden die entscheidenden Schnittstellen zwischen Politik und Gesellschaft und erfüllen eine zentrale Aufgabe, indem sie gesellschaftliche Anliegen aufnehmen, transportieren und auf die politische Tagesordnung setzen.“ In Westeuropa pendelten sich seiner Meinung nach überraschend schnell nach 1945 entsprechende politische Parteienverhältnisse ein, zum Teil sicherlich auch in Anknüpfung an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich restaurierte sich ein Parteiensystem der Eliten des alten Europas, die noch im 19. Jahrhundert sozialisiert worden waren. Andreas Wirsching ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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Der politische Begriff des Konservatismus

Der Konservatismus galt vor noch gar nicht so langer Zeit in Deutschland als Schimpfwort. Selbst rechte Politiker wehrten sich zuweilen als konservativ bezeichnet zu werden. Mit dem Konservativismus verbanden die Deutschen das Erstarrte und Autoritäre, das Korrupte und ewig Gestrige. Alle diese Behauptungen tragen sicher einen Kern von Wahrheit in sich. Doch eigentlich möchte der Konservatismus nur das Bewährte vor einem zweifelhaften Fortschritt bewahren. Der Konservatismus hat also zwei Gesichter – er kann sowohl etwas Schlechtes wie Vorurteile oder Privilegien schützen als auch etwa gutes wie Rechtsstaatlichkeit und Freiheit verteidigen.

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