Andreas Wirsching erklärt das westeuropäische Parteiensystem

In der Geschichte der europäischen Demokratie gehört es laut Andreas Wirsching zu den wichtigsten Funktionen von Parteien, das Massenpublikum in den demokratischen Prozess der Willensbildung zu integrieren. Andreas Wirsching schreibt: „Parteien bilden die entscheidenden Schnittstellen zwischen Politik und Gesellschaft und erfüllen eine zentrale Aufgabe, indem sie gesellschaftliche Anliegen aufnehmen, transportieren und auf die politische Tagesordnung setzen.“ In Westeuropa pendelten sich seiner Meinung nach überraschend schnell nach 1945 entsprechende politische Parteienverhältnisse ein, zum Teil sicherlich auch in Anknüpfung an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich restaurierte sich ein Parteiensystem der Eliten des alten Europas, die noch im 19. Jahrhundert sozialisiert worden waren. Andreas Wirsching ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Der Typus des bipolaren Mehrparteiensystems

Diese alten Eliten rekrutierten sich in allen Demokratien Westeuropas aus den vier klassischen Grundströmungen des 19. Jahrhunderts. Dazu zählt Andreas Wirsching die sozialistische Arbeiterbewegung, den Liberalismus, den Konservatismus und die christliche Demokratie. Im einzelnen bewegten sich die Parteiensystem aber auf unterschiedlichen nationalen Wegen und unterschieden sich im Grad ihrer Kohärenz beziehungsweise Polarisierung. Andreas Wirsching ergänzt: „Trotzdem aber lässt sich mit einigem Recht von einem historischen Typus des westeuropäischen Parteiensystems sprechen, dessen nationale Spezifika eher als Typenvarianten gelten können.“

Diesen Typus bezeichnet Andreas Wirsching als bipolares Mehrparteiensystem, in dem sich zwei große Blöcke gegenüberstehen, die sich in gewisser Regelmäßigkeit und mit unterschiedlichen Koalitionen in der Regierung abwechselten: die Linke bestehend aus Sozialisten beziehungsweise Sozialdemokraten und die Rechte, sich zusammensetzend aus Christdemokraten, Konservativen und Liberalkonservativen. Andrea Wirsching fügt hinzu: „Zugleich kennzeichnete es die westeuropäische Parteienkultur, das sie extremistische Systemgegner von der Regierungsteilhabe strukturell ausschloss und demgegenüber, wenn nötig, die Gemeinsamkeit der Demokraten in der Mitte betonte.“

Das Parteiensystem verdankte seine Stabilität dem Wirtschaftsboom

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund entfalteten die Parteiensysteme gemäß Andreas Wirsching nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eine jahrzehntelange Stabilität. In der Bundesrepublik Deutschland entstand zum Beispiel eine nachhaltige Koalitionskultur mit drei Parteien. Obwohl es in den westeuropäischen Demokratien durchaus Unterschiede bei der Zusammensetzung der Regierungen gab, kamen die Staatspräsidenten, Regierungschefs und Minister aus dem klassischen Parteienspektrum, dem Lager der Sozialdemokraten beziehungsweise der Sozialisten, der Christdemokraten oder Konservativen sowie den Liberalen.

Nicht zufällig entwickelt sich für Andreas Wirsching die Stabilität des Parteinsystems nach 1945 parallel zu den Jahrzehnten des wirtschaftlichen Booms. Andreas Wirsching erklärt: „Indem die wirtschaftliche Prosperität die Verteilungsspielräume erweiterte, festigte sie mit der Demokratie auch die Parteiensysteme in Europa. Parteien und ihre Politiker sicherten sich in einer Zeit der ökonomischen Fülle zunehmend Privilegien, was sie umgekehrt in eine fortschreitende Abhängigkeit vom Staat brachte.“

Von Hans Klumbies

 

 

Ein Gedanke zu „Andreas Wirsching erklärt das westeuropäische Parteiensystem

  • 31. Mai 2014 um 08:37
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    Der Satz, mit dem die Rezension abschließt, passt auf so viele Dinge in unserer Gesellschaft. Es gibt so viel zu bewegen und der Einzelne kann nicht viel tun. Aber ein Anfang, ein bisschen, ist besser als nichts. Ein tolles Buch!

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