Der Begriff „Banalität des Bösen“ machte Hannah Arendt berühmt

Den Zwängen ihrer Zeit setzte die deutsche Philosophin Hannah Arendt ein unerschrockenes und unabhängiges Denken entgegen. Sie versuchte, eine neue Form der Politik zu begründen, wobei ihr die Freiheit und die Pluralität als die Grundbedingungen des Menschseins galten. Laut Hannah Arendt ist die Verschiedenartigkeit der Menschen eine Vorraussetzung des Politischen. Wenn hingegen, wie im Totalitarismus, gewaltsam ein Monismus hergestellt wird, bedeutet dies für sie die Zerstörung des Politischen. Hannah Arendt bezeichnet die totalitären Regime als „organisierte Verlassenheit“, in denen die Prinzipien der Demokratie wie Repräsentation, der Schutz der Meinungsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht mehr gelten. Stattdessen wird die Herrschaft durch die Verbreitung von Angst und Terror aufrechterhalten, wobei eine Ideologie die theoretische Legitimationsgrundlage bildet. Auf jeden kritischen Versuch der Überprüfung des geschlossenen Systems wird feindlich reagiert.

Die Unfähigkeit zum induktiven Denken ist eine unheilbare Dummheit

Hannah Arendt unterschied bei den praktischen Tätigkeiten zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln, bei den geistigen Aktivitäten zwischen Denken, Wollen und Urteilen. Denken ist für sie das stille Zwiegespräch eines Menschen mit sich selbst, wobei es keineswegs um konkrete Resultate geht. Das Wollen ist ihrer Meinung nach zielstrebig und richtet sich, im Unterschied zum Denken, das an Gegenwart und Vergangenheit orientiert ist, an die Zukunft. Es ist willkürlich, zuweilen nicht gerecht und schließt die Möglichkeit des Nichtwollens mit ein.

Das Urteilen erfordert laut Hannah Arendt die Einnahme einer Metapherspektive, in der auch die Sichtweisen anderen Menschen berücksichtigt werden. Es abstrahiert von den Vorlieben und Interessen einer Person und kommt zu einem Resultat, das auch andere mögliche Sichtweisen einschließt. Ein Mangel an Urteilskraft, den Hannah Arendt im Anschluss an Immanuel Kant als die Unfähigkeit zum „induktiven Denken“ bezeichnet, ist ihr zufolge eine „unheilbar Dummheit“.

Adolf Eichmann folgte beim Massenmord der Juden blind einer wahnwitzigen Ideologie

Ebenfalls in Anlehnung an Immanuel Kant spricht Hannah Arendt von der „Radikalität des Bösen“. Das Böse ist für sie dann radikal, wenn keinerlei Motiv für ein Verbrechen gefunden werden kann. Ihrer Meinung nach lässt sich die Massenvernichtung von sechs Millionen Juden weder durch Habgier, Missgunst oder Neid hinreichend erklären. Verantwortlich für die Mordorgie war eine irrationale Ideologie des Antisemitismus. Hannah Arendt ging es bei ihrer Beschreibung nicht um das Ausmaß, sondern um die Art des Verbrechens, das sie als historisch neuartig ansah.

Für Hannah Arendt ist die Kehrseite dieser Radikalität die „Banalität des Bösen“, ein Begriff, den sie in ihrem Bericht über den Prozess gegen Adolf Eichmann prägte. Die Verbrechen, die der Schreibtischtäter der Nazis beging, beruhen ihrer Meinung nach eher auf Gedankenlosigkeit und Dummheit als auf Bösartigkeit. Die Radikalität und die Banalität des Bösen haben dabei allerdings eine Gemeinsamkeit: in beiden Fällen liegt kein klassisches Tatmotiv vor. Adolf Eichmann folgte blind einer wahnwitzigen Ideologie.

Kurzbiographie: Hannah Arendt

Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover geboren. Schon im Alter von vierzehn Jahren beschäftigt sie sich mit den Werken von Immanuel Kant und Karl Jaspers. Ab 1924 studiert Hannah Arendt Philosophie, Theologie und Griechisch bei Martin Heidegger, wechselt zu Edmund Husserl nach Freiburg und promoviert bei Karl Jaspers in Heidelberg.

Im Jahr 1933 flieht sie nach Paris, freundet sich mit Walter Benjamin an und lernt 1936 Heinrich Blücher kennen, der ihr zweiter Ehemann wird. Ab 1941 findet Hannah Arendt in den USA ihre neue Heimat. In Amerika gelingt ihr 1951 der öffentliche Durchbruch mit dem Buch „The Origins of Totalitarianism“. Kurz darauf veröffentlicht sie ihr theoretisches Hauptwerk „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“.

 Hannah Arendt reist im Jahr 1961 im Auftrag der Zeitschrift „The New Yorker“ nach Israel, um über Adolf-Eichmann-Prozess zu berichten. In ihren Artikeln und in dem daraus entstandenen Buch „Eichmann in Jerusalem“ entdeckt Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“. Demnach stellt Adolf Eichmann eine neue, moderne Form des Täters dar: erschreckend gedankenlos, ein „Verwaltungsmassenörder“ der Juden, der sich dennoch hätte anders entscheiden können und müssen. Hannah Arendt stirbt 1975 an einem Herzinfarkt in New York.

Von Hans Klumbies

2 Gedanken zu „Der Begriff „Banalität des Bösen“ machte Hannah Arendt berühmt

  • 9. Oktober 2013 um 11:23
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    Für einige der hier umrissenen Themen interessiere ich mich sehr und würde gerne mehr dazu lesen. Jedoch finde ich hier, abgesehen von Namen, keine Quellenangaben. Ist mir soeben wieder bei dem Artikel „Ulrich Beck untersucht das Verhältnis von Natur und Gesellschaft“ aufgefallen. Hier sind einige Zitate eingearbeitet, aber keine einzige Quellenangabe. Das nimmt einigen Artikeln auch die Glaubwürdigkeit, da sich die Informationen leider nicht nachvollziehen lassen.
    Dennoch..tolle Seite.
    Mit freundlichen Grüßen
    Marie

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    • 9. Oktober 2013 um 16:52
      Permalink

      Sehr geehrte Frau Bauer,

      das Buch von Ulrich Beck heißt „Die Risikogesellschaft“.

      Mit freundlichen Grüßen
      Hans Klumbies

      Antwort

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