Der entfesselte Skandal führt zu elementarem Kontrollverlust

In einer Welt des Internets und der Massenmedien scheint der Skandal hinter jeder Ecke zu lauern. Jeder kann ihn verursachen, jeder kann sein Opfer sein. Videos auf dem Handy können eine Karriere vernichten, Botschaften über Twitter Empörung auslösen, SMS-Nachrichten als Beweismittel verwendet werden. Bernhard Pörksen und Hanne Detel schreiben in ihrem neuen Buch „Der entfesselte Skandal“: „Dokumente der Blamage und der Demontage besitzen heute eine neue Leichtigkeit und Beweglichkeit. Sie können rasch kopiert, blitzschnell verbreitet, kaum noch zensiert werden – und sorgen im Extremfall weltweit für Empörung.“ Der Ruf eines Menschen, eines Untenehmen, ja sogar eines Staates lässt sich in Rekordzeit ruinieren. Der Skandal hat für die Autoren im digitalen Zeitalter eine neue Evolutionsstufe und neue Ebene der Eskalation erklommen. Er kann ein Spektakel der Grausamkeit sein, aber ebenso gut der Aufklärung dienen. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Hanne Detel arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen.

In der medialen Allgegenwart verlieren Menschen die Kontrolle über ihr Selbstbild

Die digitalen Überall-Medien haben laut Bernhard Pörksen und Hanne Detel eine mediale Allgegenwart erzeugt, in der Menschen die Kontrolle über ihr Selbstbild und ihr Image abhanden kommen. Big Brother ist ihrer Meinung nach zur Leitmetapher der gegenwärtigen Medienkultur geworden. Das moderne Ich ist potentiell stets den Blicken anderer ausgesetzt. So kann man ganz leicht zum Opfer eines Skandals werden, wenn zum Beispiel das Banale zur Sensation aufgebläht wird und in der schlimmsten Form zu einer Art Menschenjagd ausartet.

Die zentrale These des Buches „Der entfesselte Skandal“ ist allerdings, dass sich im Schatten der allgegenwärtig gewordenen Neigung zur Empörung, ein neues Skandalschema herausbildet. Es entstehen dabei neue Formen der Enthüllung und Empörung, die aus der Sicht der Betroffenen als fundamentaler Kontrollverlust erlebt werden. Zudem werden die Prozesse der Entblößung und Entrüstung zum Aktionsfeld der vielen. Die Autoren erklären: „Der entfesselte Skandal ist kein Distanzereignis mehr, sondern immer auch in die eigene Lebenssphäre eingebettet, in ihr konkret und direkt erfahrbar geworden.“

Ohnmächtige und Unschuldige werden immer mehr zu Opfern von Enthüllungsgeschichten

Die klassische Definition des Skandals, der eine moralische Verfehlung von hochgestellten Personen oder Institutionen enthüllt, gilt heute nicht mehr. Bernhard Pörksen und Hanne Detel schreiben: „Enthüllungsgeschichten richten sich im digitalen Zeitalter in einem bisher unbekannten Ausmaß auch gegen Ohnmächtige und komplett Unschuldige.“ Auch Nichtigkeiten lassen sich nun, unabhängig von der Boulevardpresse, zum Skandal aufbauschen. Auch gänzlich Unbekannte können es so zu zweifelhafter Berühmtheit bringen.

Das gemeinsame Meta-Muster, dass alle Beispielsgeschichten des Buchs „Der entfesselte Skandal“ verbindet, ist die Erfahrung eines elementaren Kontrollverlusts. Dabei wird meist die private Kommunikation der eigenen Nahwelt verletzt. Bernhard Pörksen und Hanne Detel schreiben: „Fatal aus der Sicht der Betroffenen: Daten und Dokumente werden dauerhaft fixiert, das vermeintlich Flüchtige bleibt bestehen – und wird zu leicht erneuerbaren Skandalisierungsanlass für ein distanziert rezipierendes Großpublikum.“  

Der entfesselte Skandal
Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter
Bernhard Pörksen, Hanne Detel
Verlag: Herbert von Halem
Gebundene Ausgabe: 247 Seiten, Auflage: 2012
ISBN: 978-3-86962-058-9,  19,80 Euro
Von Hans Klumbies

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