Konrad Paul Liessmann lobt die Grenzen und die Unterschiede

Leben heißt für Konrad Paul Liessmann Unterscheidungen zu treffen. Wer als Mensch wissen will, wer er ist, muss erkennen, von wem er sich unterscheidet. Wenn ein Mensch ein Risiko eingehen möchte, muss er wissen, wann er den Bereich der Sicherheit verlässt. In seinem neuen Buch „Lob der Grenze“ analysiert der Philosoph Konrad Paul Liessmann Grenzen und Unterscheidungen, ohne die weder der Einzelne noch die Gesellschaft überleben könnten. Seine Überlegungen und Reflexionen beziehen sich unter anderem auf die Grenzen zwischen Sein und Nichts, Mensch und Tier, Jung und Alt sowie dem Unterschied zwischen Lohnarbeit und menschlichem Handeln. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie der Universität Wien. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen „Die Theorie der Unbildung“ und „Das Universum der Dinge.“

Der Zeitgeist will alle Grenzen überschreiten und zum Verschwinden bringen

Unterscheidungen zu treffen wird laut Konrad Paul Liessmann schwer, in einer Zeit, die sich prinzipiell davor scheut, überhaupt noch Unterscheidungen im Denken zuzulassen, denn unterscheiden bedeutet ausschließen. Konrad Paul Liessmann kritisiert: „Grenzen zu ziehen, sei es in Wirklichkeit, sei es im Denken, gilt als unfein. Der Zeitgeist will Grenzen überschreiten, beseitigen, aufheben, zum Verschwinden bringen.“ Er täuscht sich seiner Meinung nach allerdings über die Funktion und Möglichkeiten von Grenzen, ebenso wie über die Bedeutung, die diese für die Analyse und Bewältigung von Krisen einnehmen müssen.

Konrad Paul Liessmann ist davon überzeugt, dass der Anfang die Zeit konstituiert. Mit der Zeit werden die elementaren Grenzen festgelegt, die es dem Menschen erlauben, ein Jetzt, ein Davor und ein Danach zu unterscheiden. Nur wo ein Anfang besteht, kann es eine Weiterentwicklung geben. Der Philosoph schreibt: „Betrachtet man die Ereignisse in der Zeit als Differenz, hervorgerufen durch die Zeit, landet man als erster Ursache immer beim absoluten Anfang. Ohne Schöpfung, ohne Urknall gäbe es uns nicht, nicht die Guten und nicht die Bösen.“

Nur durch Grenzen kann der Mensch etwas wahrnehmen und erkennen

Aller Anfang setzt für Konrad Paul Liessmann eine Grenze. Immer wenn ein Mensch etwas beginnt, setzt er ein Grenzzeichen. Ab diesem Zeitpunkt ist es nicht mehr so, wie es war. Eine Grenze definiert Konrad Paul Liessmann als eine wirkliche oder gedachte Linie, durch die sich zwei Dinge voneinander unterscheiden. Wenn jemand einen Unterschied wahrnimmt, erkennt er auch eine Grenze, wenn ein Individuum einen Unterschied macht, setzt es ein Grenzzeichen. Konrad Paul Liessmann erklärt: „Philosophisch gesprochen bedeutet dies, dass die Grenze überhaupt die Voraussetzung ist, etwas wahrzunehmen und zu erkennen.“   

Von allen Grenzen hat sich die zwischen Jung und Alt laut Konrad Paul Liessmann zu einer der merkwürdigsten entwickelt. Er schreibt: „Sie scheint so unsichtbar und ist doch unerbittlich. Aber es ist jene Grenze, die man erst bemerkt, wenn man sie schon überschritten hat.“ Dazu kommt, dass man sie nur in eine Richtung überschreiten kann. Allen Phantasien von einem Jungbrunnen zum Trotz gilt: Es gibt kein Zurück mehr, nur noch ein Weiter, das an das Äußerste, an das Ende führt. Konrad Paul Liessmanns Schlusswort lautet: „Dieses aber, wenn es denn ein Ende ist, mach alles, auch alle Grenzen obsolet.“

Lob der Grenze
Kritik der politischen Unterscheidungskraft
Konrad Paul Liessmann
Verlag: Zsolnay
Gebundene Ausgabe: 206 Seiten, Auflage: 2012
ISBN: 978-3-552-05583-4,  18,90 Euro
Von Hans Klumbies

Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft

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