Die Demokratie ist eine Lebensform der individuellen Autonomie

Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin hat ein ausgezeichnetes Kompendium mit dem Titel „Was ist Demokratie?“ über die politischen Theorien der Antike, des 18. und des 19. Jahrhunderts sowie der Geschichte der Demokratie und ihren aktuellen Herausforderungen in der Gegenwart geschrieben. Der Autor zeigt in seiner Darstellung, dass die Entwicklung der Demokratie nie nur von Wachstum, Fortschritt und Erfüllung handelte, sondern auch immer eine krisenhafte Suche nach der Auflösung von Konflikten und Widersprüchen war. Das Jahr 2011 wird laut Paul Nolte als ein Jahr der Demokratie in die Geschichte eingehen. Er schreibt: „Die Suche nach Freiheit und politischer Selbstbestimmung hat Menschen überall auf der Welt aufgerührt und auf die Straßen getrieben. Diktatoren wie Gaddafi sind gestürzt, autoritäre Regierungen vertrieben worden.“

Die Finanzmärkte haben scheinbar die Oberhand über die Demokratie gewonnen

Nicht nur in den Diktaturen entlud sich die aufgestaute Wut der Unterdrückten, auch in etablierten Demokratien artikulierten „Wutbürger“ ihren Unmut gegenüber politischen Institutionen und Entscheidungsprozessen, in denen ihre Stimme kein Gehör erlangte. Sie fühlten sich machtlos der Anonymität der Systeme ausgeliefert. Paul Nolte fasst zusammen: „Das Jahr der Demokratie erfüllte manche Träume, war aber zugleich ein Jahr der tiefen Krise und der Suche nach Demokratie jenseits der ausgetretenen Pfade.“

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Jahr 2008 begann, hat für viele Bürger den scheinbaren Beweis geliefert, dass sich die Demokratie den Finanzmärkten und der Macht der Banken unterworfen hat. Paul Nolte erklärt: „Die gewählten Politiker und die Parlamente wirkten bestenfalls hilflos und überfordert, schlimmstenfalls mit den Finanzinteressen im Bunde gegen die Wählerinnen und Wähler, deren Interessen sie doch eigentlich vertreten sollten.“ Aber auch generell stellen die Bürger die Kompetenz der Eliten in Frage wie zum Beispiel die Proteste um das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ nur allzu deutlich zeigten.

Die Demokratie war immer umstritten und vieldeutig

In seinem neuen Buch „Was ist Demokratie“ erzählt Paul Nolte die Geschichte und Gegenwart der Demokratie in drei Perspektiven: als eine Erfüllungsgeschichte, eine Suchbewegung und eine Krisenbewegung. Der Autor erläutert: „Seit den Anfängen der modernen Demokratie im 18. Jahrhundert, vielleicht sogar schon seit der klassischen Demokratie Athens von zweieinhalbtausend Jahren, haben sich Erfüllung, Suche und Krise ständig überlappt und ineinander verflochten.“

Paul Nolte hofft, das sich die Leser in seinem Buch selbst wiederfinden können und bei der Lektüre folgendes erfahren: „Demokratie ist nicht nur das, was einige andere veranstalten, sondern hat etwas mit mir zu tun, so wie sie seit jeher von Menschen gemacht wurde.“ Das wichtigste Ziel des Autors war es zu verdeutlichen, dass Demokratie immer umstritten und vieldeutig war und nie eine vollendete Form erreichen wird. Zum Schluss seiner Ausführungen zitiert Paul Nolte den amerikanischen Philosophen John Dewey, für den die Demokratie eine Lebensform der individuellen Autonomie und der freien Kooperation mit anderen ist.

Was ist Demokratie?
Geschichte und Gegenwart
Paul Nolte
Verlag: C. H. Beck
Broschierte Ausgabe: 511 Seiten, Auflage: 2012
ISBN: 978-3-406-63028-6,  17,95 Euro
Von Hans Klumbies

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