Die Welt gleicht einem unberechenbaren Pulverfass

Überall auf der Erde herrschen Krisen und Konflikte. Wolfgang Ischinger stellt in seinem neuen Buch „Welt in Gefahr“ fest: „Wir haben die gefährlichste Weltlage seit Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Die Werte der Westens und die liberale Weltordnung werden von autokratischen und diktatorischen Regimen herausgefordert und infrage gestellt. Die Beziehungen der Europäischen Union zu Russland sind auf dem Tiefpunkt, die Abhängigkeit von China wächst, und unter Präsident Donald Trump ist Amerika als Europas wichtigster Verbündeter unberechenbar geworden. Wolfgang Ischinger ist fest davon überzeugt, dass ohne ein aktiveres Engagement Deutschlands in einer zunehmend chaotischen und konfliktreichen Welt die Grundlagen von Frieden und Wohlstand erodieren werden. Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz und einer der renommiertesten deutschen Experten für Außen- und Sicherheitspolitik.

Ein großer Krieg ist weiterhin eher unwahrscheinlich

Die Gefahr eines zwischenstaatlichen Krieges zwischen Groß- und Mittelmächten ist in letzter Zeit wieder klar gestiegen. Das soll keine Panikmache sein: Ein großer Krieg ist weiterhin eher unwahrscheinlich. Aber das Risiko ist eben leider doch deutlich größer als noch vor einigen Jahren. Nicht nur Krieg und Gewalt spielen offenbar wieder eine größere Rolle. Auch ein neuer Systemwettbewerb scheint sich anzubahnen. Die liberale Demokratie und das Prinzip offener Märkte sind heute nicht mehr die einzig vorstellbaren Modelle legitimer politischer und wirtschaftlicher Ordnung.

Selbst in der Europäischen Union finden sich Fürsprecher einer sogenannten illiberalen Demokratie. Sie wolle die Presse- und Meinungsfreiheit einschränken, warnen vor der „Eurokratie“ in Brüssel oder verfallen in generelle Fremdenfeindlichkeit. Sie bilden die Achse der Angst, die das Heil im Rückmarsch in einen überholten Nationalismus sucht. Der Liberalismus ist aber auch in einer anderen Form unter Druck geraten. So galt das Prinzip einer offenen Weltwirtschaft über viele Jahrzehnte als Garant für Wohlstandsgewinne. Nun wird es zunehmend infrage gestellt.

Die Europäische Union wird auch die nächsten Krisen überstehen

Für die deutsche Außenpolitik gilt nach wie vor: Ohne Europa ist alles nichts. Die Besorgnis mancher über die Zukunft der Europäischen Union teilt Wolfgang Ischinger nicht: „Die Unkenrufe, die Europäische Union (EU) zerfalle, bewahrheiten sich nämlich nicht. Die EU wird auch die nächsten Krisen überstehen.“ Sie sind seiner Meinung nach Teil eines Reifeprozesses, der die Einigung vorantreibt und den Staatenbund stärker machen wird. Derzeit ist die EU nach siebzig Jahren der Proklamation des Friedens dabei, sich den Fragen der inneren und äußeren Sicherheit zuzuwenden.

Für den amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph S. Nye war gerade die EU das beste Beispiel dafür, dass „Vorbildfunktion, Attraktivität und die Vermittlung eigener Normen und Werte“ wie Demokratie und Menschenrechte mehr zählen als Soldaten und Waffen. Die EU genießt eben deshalb große Autorität rund um den Globus, weil sie ihrem Selbstverständnis nach als Zivilmacht in der Welt auftritt – und stärker noch als andere auf Diplomatie und zivile Konfliktbearbeitung setzt. Freilich würde sie laut Wolfgang Ischinger ihre Durchsetzungskraft stärken, wenn sie im Falle einer ernsten Bedrohung auch mit dem Einsatz militärischer Mittel drohen oder sich jedenfalls glaubwürdiger selbst verteidigen könnte.

Welt in Gefahr
Deutschland und Europa in unsicheren Zeiten
Wolfgang Ischinger
Verlag: Econ
Gebundene Ausgabe: 297 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-430-20249-7, 24,00 Euro

Von Hans Klumbies

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