Menschen brauchen soziale Resonanz

Eine passende Rückmeldung der Umwelt ist nicht nur in den ersten Lebensjahren essenziell für einen Menschen. Ulrich Schnabel erklärt: „Auch in späteren Jahren sind wir auf „Resonanz“ von außen angewiesen.“ Zwar reagieren Menschen mit zunehmenden Alter weniger labil auf äußere Einflüsse, weil sich die Persönlichkeit ausgeformt und an Stabilität gewinnt. Dennoch bleibt man ein soziales Wesen, das bis ins hohe Alter offen ist für den Austausch von Liebe und Zuneigung, das Teilen von Trauer und Trost und die Auseinandersetzung über unterschiedliche Standpunkte. Diese Resonanz mit der Außenwelt ist umso ausgeprägter, je mehr man sich mit den jeweiligen Mitmenschen verbunden fühlt und je mehr Zeit man mit ihnen verbringt. Ulrich Schnabel ist Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung „Zeit“ und Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher.

Der Mensch ist ein „offener Regelkreis“

Denn der Mensch ist kein in sich geschlossenes System, sondern ein „offener Regelkreis“, der empfindlich auf äußere Impulse reagiert und von diesen mit gesteuert wird. Nicht nur der natürliche Wechsel von Tag und Nacht oder die Jahreszeiten geben den Menschen eine Struktur und einen Rhythmus vor. Auch andere Menschen können zu Taktgebern werden und die Regulation der physiologischen Prozesse beeinflussen. Auch Erwachsene bleiben soziale Tiere, die weiterhin eine Quelle der Stabilisierung außerhalb von sich selbst brauchen.

Auch wenn man mitunter von seinen Mitmenschen genervt ist und sich an Jean-Paul Sartres Diktum „Die Hölle, das sind die anderen“ erinnert, so wäre man doch ohne Austausch und soziale Resonanz kaum lebensfähig. Selbst Eremiten die süchtig nach Einsamkeit sind, brauchen wenigstens ab und zu die Verbundenheit mit anderen Menschen. Lebendig sein bedeutet eben immer: ein offenes System zu sein. Wer sich abkapselt und verschließt, ist auf Dauer nicht lebensfähig. Auf geistiger und sozialer Ebene sind Menschen permanent im Austausch, nehmen Gedanken, Ideen und Gefühle auf und machen sie zu einem Teil ihres Selbst.

Johann Caspar Rüegg erklärt das „Broken-Heart Syndrom“

Die menschliche Emotionalität fungiert als hochentwickelter Sozialsinn. Denn die Gefühle sind es, vielmehr als die Gedanken, die Menschen miteinander verbinden. Der emotionale Austausch ist umso stärker, je enger man sich mit einem Menschen verbunden fühlt. Deshalb wird eine Trennung von einem langjährigen, vertrauen Partner auch als so schmerzhaft und erschütternd erlebt. Wenn bei einer Trennung ein möglicherweise jahrelang aufgebautes Regulierungs- und Stabilisierungssystem mit einem Mal zusammenbricht, fühlt man sich nicht nur emotional haltlos, sondern oft auch körperlich instabil.

Ulrich Schnabel ergänzt: „Im Extremfall kann dies gar zum „Broken-Heart Syndrom“ führen, zum Krankheitsbild des gebrochenen Herzens: Die Betroffenen erleben die typischen Symptome eines klassischen Herzinfarkts.“ Dabei sind die Herzkranzgefäße weder verengt noch blockiert. Der Physiologe Johann Caspar Rüegg erklärt: „Es handelt sich vielmehr um eine vorübergehende Herzschwäche, einen Schockzustand, der sich – im Gegensatz zum Herzinfarkt – oftmals in wenigen Tagen oder Wochen spontan bessert.“ Quelle: „Was kostet ein Lächeln“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies

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