Tucholsky sieht schon 1929 das kommende Dritte Reich (8. Teil)

Literaturkritiker bezeichnen das Jahr 1928 gerne als eine Art Scheitelpunkt im Leben Kurt Tucholskys. Voller Zorn rüttelt er noch einmal an den Grundmauern der politischen Gleichgültigkeit in Deutschland. Mit seinem Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ entfacht er noch einmal einen Trommelwirbel auf den Sturmhelmen der Reaktion, muss aber dann auf einer ausgedehnten Lesereise durch Deutschland erkennen, dass all seine Bemühungen vergeblich waren. Es war die verheerende Mischung aus Mittelmäßigkeit und Ratlosigkeit, dumpfer Gleichgültigkeit und lammfrommer Anpassungsbereitschaft breiter Bevölkerungsschichten, gepaart mit dem stillen oder offenen Verlangen nach Revanche für den Versailler Vertrag, die Kurt Tucholskys Meinung nach Deutschland zerstörte. Seine damalige Stimmung beschreibt er wie folgt: „Um mich herum verspüre ich ein leises Wandern. Sie rüsten zur Reise ins Dritte Reich.“

Kurt Tucholsky war nur sich selbst und seinem Gewissen verpflichtet

Diese Erkenntnis bezeichnet Kurt Tucholsky später als den „Knacks“ in seinem Leben. Die hilflos dahintrudelnde Demokratie ohne Gebrauchsanweisung entwickelt sich in den Augen von Kurt Tucholsky immer mehr zu einer Republik ohne Republikaner. Immer deutlicher spürte er schließlich, dass die Deutschen aus ihrer wilhelminischen Untertanenseligkeit nicht herauswollten. Knapp ein Jahr später saßen statt zwölf NSDAP-Abgeordneter auf einmal 107 im Reichstag und bildeten nach der SPD schon die zweitstärkste Fraktion.

Kurt Tucholsky lässt sich von keiner politischen Partei vereinnahmen, lässt sich nicht festlegen, nicht auf Gruppen, geschweige denn auf Ideologien. Das so beliebte Schubladensystem versagt bei ihm. Er war nur sich selbst und seinem Gewissen verpflichtet. Er war heimatlos in seiner Zeit. Bis zuletzt versucht er den Gleichgewichtspunkt von Selbstbewahrung und Selbsthingabe auszubalancieren. Hier wird auch eine der zentralen Wurzeln seiner Produktivität sichtbar: Seine Schriften waren nicht nur ein Kampf gegen die unzulängliche Um- und Mitwelt, sondern gleichzeitig auch ein Kampf mit und gegen sich selbst.

Kurt Tucholsky rechnet scharf mit dem Bürgertum ab

In vielen seiner Texte schimmert die lebenslange Suche nach seinem Ich durch. Die Sprache ist ihm Kompass und Waffe zugleich. Kurt Tucholskys scharfe Abrechnung mit dem Bürgertum bezieht seine Kraft aus der eigenen Verwurzelung in eben jenem Bürgertum, dessen Spielregeln, Schwachstellen und Fehler er aus eigener Erfahrung und Anschauung so gut kannte und spürte. Ähnlicher gilt bei ihm für fast alle anderen Lebensbereiche, zum Beispiel für die kritische Auseinandersetzung des ehemaligen Offiziers mit dem Militarismus.

Meistens kritisiert Kurt Tucholsky mit den anderen zugleich sich selbst, den Schreiben heißt für ihn unter anderem, Gericht über das eigene Leben abzulegen: „Man hasst nur, was man selber ist. Man hasst nur, was man liebt.“ Kurt Tucholsky ist immer ein Suchender, einer für den es nie nur eine, allein gültige, Wahrheit gibt – schon gar nicht eine Parteiwahrheit, die allein selig machen könnte. Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind immer seine eigenen Vorstellungen, Befindlichkeiten, Erfahrungen des Alltags und seiner Lektüre. Quelle: Kurt Tucholsky von Michael Hepp

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.