Die Verblödung aus Bequemlichkeit ist in Deutschland weit verbreitet

Unbändiger Hass, krude Verschwörungstheorien, die Suche nach autoritären antidemokratischen Leitfiguren – dahinter verbirgt sich für Jürgen Roth vielmehr als die Angst vor den Herausforderungen der Globalisierung oder vor den Fremden: „Viele Menschen sind verunsichert, die fehlenden stabilen Beschäftigungsverhältnisse, als das führt zu Ängsten vor der Zukunft. Und die politischen Eliten haben darauf immer noch keine befriedigende Antwort gefunden.“ Doch Unsicherheit und Angst sind die Seele des Spießers, der Haltegriff für die Mentalität eines Blockwarts, die Psyche der Empfänger von Befehlen. Das ist nicht nur das Einfallstor für Argumente, sondern auch für die Gewalt. Deshalb suchen sich die Ängstlichen, also die sogenannten besorgten Bürger, die Schwächsten einer Gesellschaft als Ventil für ihre Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen aus. Jürgen Roth gilt als einer der bekanntesten Vertreter des investigativen Journalismus in Deutschland.

Viele Menschen beherrschen nicht einmal die einfachsten Grundlagen von Wirtschaft und Politik

Der Psychologe und Politikwissenschaftler Professor Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal formuliert es so: „Die Forschung spricht schon von einer Spät- oder Untergangsphase der Demokratie, weil die Leute lieber dreimal im Jahr Urlaub machen oder Dschungelcamp schauen, als sich auch nur mit den einfachsten Grundlagen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu beschäftigen. Kollektive Bequemlichkeitsverblödung fällt aber jeder Gesellschaft irgendwann auf die Füße – es wird immer anstrengender, für vernünftige Lösungen Unterstützung zu erhalten.“

Der Publizist Georg Dietz erklärt zu den Konsequenzen dessen, was Thomas Kliche beschrieben hat, folgendes: „Der Mittelstand sah dem Aufstieg Hitlers tatenlos zu – heute geifern die Rechten wieder. Und das Bürgertum? Schweigt und versagt abermals … Das Bürgertum, das auch heute zusieht, wie ein Land, wie ein Kontinent kippt, still, sediert oder sympathisierend.“ Die Alternative gegen diese von Jürgen Roth beschriebene Entwicklung ist klar: Nicht weiter schlafen, sondern aufstehen. Nicht lamentieren, sondern sich engagieren.

Rechtsradikale und rechtspopulistische Politiker müssen gemeinsam bekämpft werden

Jürgen Roth fordert: „Jetzt ist breiter friedlicher Widerstand der vielfältigen demokratischen Bewegungen angesagt. Insbesondere muss den rechtsradikalen und rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien der öffentliche Raum entzogen werden.“ Wenn es tatsächlich circa 20 Prozent der Bevölkerung gibt, die antisemitischen und rassistischen Antidemokraten hinterherhecheln, dann hat es seiner Meinung nach keinen Sinn, auf sie zuzugehen. Jedes Argument, dass ihre Weltsicht gefährden könnte, wird von ihnen blockiert – aus Trotz oder schlichter Dummheit.

Der Kultur der nationalen Einfalt muss eine Kultur der multikulturellen Vielfalt entgegengestellt werden. Gleichzeitig dürfen die bestehenden Konflikte, die bei der Integration insbesondere von Muslimen bestanden und immer noch bestehen, aus Rücksichtnahme oder Angst vor dem Schüren von Fremdenfeindlichkeit, nicht ausgeblendet werden. Im Gegenteil: Sie müssen offen benannt und die Ursachen dafür bekämpft werden. Denn eines ist für Jürgen Roth klar: „Wenn die Rechtsradikalen und rechtspopulistischen Politiker wirklich eine so große Bedrohung für die liberale Demokratie und eine freie Bürgergesellschaft sind, dann kann es keine Neutralität mehr geben, dann muss man Farbe bekennen und diese Bedrohung gemeinsam bekämpfen.“ Quelle: „Schmutzige Demokratie“ von Jürgen Roth

Von Hans Klumbies

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