Amerika hat die Herrschaft über die Welt verloren

Die Vereinigten Staaten von Amerika galten früher als Erfolgsmodell und als Land der Utopie. Heute herrschen dort, wie der Journalist und Buchautor Olivier Guez behauptet, Mutlosigkeit und die Angst vor einer unbestimmten Katastrophe. Seiner Meinung nach ist der Kapitalismus weiterhin krank, der Westen zutiefst erschüttert und die amerikanische Führungsmacht in Melancholie versunken. Die USA sind desillusioniert und stecken in den Fängen einer tiefgreifenden Misere. Olivier Guez schreibt: „Die Anschläge vom 11. September, der irakische und afghanische Morast, die Lügen des Staates, Finanzskandale, der Börsenkrach, Ungleichheit, Rezession, Massenarbeitslosigkeit – die Vereinigten Staaten haben sich als verwundbar erwiesen: angegriffen und herausgefordert, gespalten und festgefahren.“

Amerika versinkt in Agonie und phantasiert vom Verfall

China erteilt den USA Lektionen in der Wirtschaftspolitik und rügt sie wegen der hohen Schulden. Neue Großmächte entstehen, während in Europa, Japan und Israel Stillstand herrscht. Laut Olivier Guez läutete die Krise von 2007/2008 die Totenglocken für die Reaganomics ein, das neoliberale Modell, das es Amerika in den letzten drei Jahrzehnten ermöglichte, die Welt zu beherrschen. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Olivier Guez schreibt: „Dieses Amerika hat nichts Außergewöhnliches mehr, und es hat seine irrsinnige Selbstsicherheit verloren.“

Heute hat Amerika für Olivier Guez eine Spleen, einen Baudelaireschen Spleen, die Mutlosigkeit und die ständige Furcht vor dem Untergang. Die USA haben ihren Glauben an die eigene Kraft verloren und von der Sehnsucht nach Utopien ist auch nichts mehr übrig geblieben. Olivier Guez schreibt: „Ein Spleen des Verlustes der Hegemonie, vergangener Größe und früherer Gewissheiten. Wie die Europäer überlassen sich die Amerikaner der Nostalgie.“ Amerika ist ratlos auf der Suche nach sich selbst, versinkt in Skeptizismus und phantasiert vom Verfall.

Der amerikanische Traum ist in seine Einzelteile zerfallen

Von der Politik in den Vereinigten Staaten von Amerika hat Olivier Guez eine ganz schlechte Meinung. Er schreibt: „Die politische Klasse, vom Geld der Lobbys und den Interessenkonflikten vergiftet, ist gespalten und polarisiert wie noch nie seit dem Bürgerkrieg.“ Dazu kommt in den USA ein Verfall des Bildungssystems und der Infrastruktur. Die Einkommensunterschiede sind gewaltig. Nur die Allerreichsten haben laut Oliver Guez vom Wirtschaftswachstum der vergangenen drei Dekaden in den USA profitiert.  

Olivier Guez vertritt die These, dass der amerikanische Traum, der sich auf drei Säulen stützte – auf Chancen, Mobilität und soziale Harmonie – zerfallen ist. Er erklärt, warum dies so ist: „Die Bürger sind in ihrem Herkunftsmilieu gefangen, der gesellschaftliche Aufzug ist blockiert, die Demokratie stottert und verkommt zunehmend zu einer einzigen Schlägerei. Immer mehr Amerikaner fühlen sich ohnmächtig und verzweifelt.“ Im Herbst 2011 waren etwa 70 Prozent der Amerikaner der Meinung, dass sich ihre Heimat im Niedergang befinde.

Von Hans Klumbies

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Amerika hat die Herrschaft über die Welt verloren

  • 27. März 2012 um 11:10
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    Die Wahrnehmungen des Autors finden ihren Niederschlag insbesondere auch in den massiven Einschränkungen urdemokratischer Bürgerrechte (Homeland Security Act, National Defense Authorization Act 2012 uvam).

    Der asymetrische Krieg in Afghanistan (er dauert inzwischen doppelt so lang wie der 2. Weltkrieg) macht deutlich, dass mit der Drohkulisse des tausendfachen overkill keine dauerhafte Herrschaft über andere Völker mehr zu gewinnen ist.

    Der vermeintliche Triumph am Ende des kalten Kriegs, einzige verbliebene Supermacht und Weltpolizist zu sein, wird zum Pyrus-Sieg zur unbezahlbaren Hypothek. Wir erleben den Zerfall eines Weltreichs, gleichsam im Zeitraffer. An dem Tag, an dem der chinesische Stahlkocher für den Import von Koks aus Indonesien keine Dollars mehr braucht sondern mit Gold bezahlt, fällt der Aussenwert des USD in sich zusammen und der amerikanische Traum vom Wohlstand auf Kosten anderer kollabiert.
    Die BRIC Staaten beraten derzeit den Ausstieg aus den US-dominierten Herrschaftssystemen WB, IWF und WTO. China hat seine Devisenbestände bereits weitgehend in Gold umgedeckt, Iran verkauft sein Erdöl an Indien gegen Gold.

    Der Anfang vom Ende des Dollar-Kolonialismus ist gemacht, bei dem mit wertlosen, virtuell per Mausklick „gedruckten“ Dollars von Wallstreet Banken ein historisch einmaliger weltweiter Raubzug von Realwerten (alle Rohstoffe, Energie(Rohöl), Nahrungsmittel, Firmenanteile oder ganze Konzerne, Börsenwerte etc) exerziert wurde .

  • 2. April 2012 um 09:50
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    Es ist halt die alte Geschichte. Wer an der Macht sein will macht sich Feinde und um diese Feinde zu unterdrücken macht man sich noch mehr Feinde. Bis die Last Macht irgendwann zu schwer wird und man erschöpft den Streit verliert.

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