Die Redefreiheit ist ein Recht für jedermann

„Wir – alle Menschen – müssen in der Lage und befähigt sein, frei unsere Meinung zu äußern und ohne Rücksicht auf Grenzen, Informationen und Ideen zu suchen, zu empfangen und mitzuteilen.“ Dieses Prinzip ist für Timothy Garton Ash diejenige Freiheit, von der alle anderen Freiheiten abhängen. Die Fähigkeit zu sprechen unterscheidet den Menschen von anderen Tieren und von allen bislang erfundenen Maschinen. Nur wenn man seine Gedanken und Gefühle voll und ganz ausdrücken kann, kann man sein Menschsein voll und ganz realisieren. Nur wenn man seine Mitmenschen sehen und hören kann, kann man wirklich verstehen, was es heißt, ein anderer zu sein. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

Macht muss stets kontrolliert werden

Umso reichhaltiger und offener die Interaktion mit anderen Menschen gestaltet ist, desto besser wird man auch sich selbst verstehen. Der deutsche Sprach- und Religionswissenschaftler Max Müller sagt: „Der, der eine Religion kennt, kennt keine.“ Bei jedem Thema, das einen Menschen interessiert, hilft ihm die Informationsfreiheit dabei, die relevanten Fakten zu finden, während das Recht auf freie Meinungsäußerung ihn in die Lage versetzt, die widerstreitenden Argumente zu vernehmen. Sie ermöglichen es ihm also, der Wahrheit zu einem Thema so nahe wie nur menschenmöglich zu kommen.

Timothy Garton Ash erklärt: „Je mehr wir über gleich welche Form der Macht wissen, umso eher werden wir diese Macht überwachen können, und Macht, sei sie nun öffentlicher oder privater Natur, muss stets kontrolliert werden.“ Und je freier eine große Anzahl von Alternativen zu einer Entscheidung veröffentlicht wird, umso eher ist man in der Lage, die beste Vorgehensweise zu wählen. Selbst wenn sich zeigen sollte, dass man sich geirrt hat, wird man – durch den Prozess einer offenen Debatte – sich gemeinsam geirrt haben.

Die reinste Form der Selbstregierung ist die Demokratie

Idealerweise hat jeder Mensch ein Mitspracherecht bei Entscheidungen, die alle betreffen. Das ist die reinste Form der Selbstregierung, auch bekannt als Demokratie: freie Abstimmung nach freier und gleichberechtigter Debatte. Auch der Umgang mit der neuen Intimität der Vielfalt hilft die Redefreiheit. Nur wenn man auf friedlichem Wege die individuellen Unterschiede auszudrücken vermag, kann man verstehen, was den immer unterschiedlicheren Frauen und Männern wichtig ist, in deren Nachbarschaft, wir heute mit immer größerer Wahrscheinlichkeit leben.

Wenn die Menschen lernen, alle möglichen individuellen Unterschiede – echte wie eingebildete – offen zu artikulieren, ohne handgreiflich zu werden, befinden sie sich auf dem besten Wege, als Nachbarn in dieser „Welt-als-Stadt“ zu leben. Bei der Redefreiheit handelt es sich um ein universelles Recht für jedermann. Timothy Garton Ash erläutert: „Dieses Recht ist nicht beschränkt auf die Bürger eines Staates, noch sollte es Konzernen zugesprochen werden. „Wir“ bedeutet wir: alle Menschen. Quelle: „Redefreiheit“ von Timothy Garton Ash

Von Hans Klumbies

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