Die Grundlage des Kapitalismus ist das Vertrauen der Bürger ins System

Ökonomische Verhältnisse haben die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft in Verruf gebracht. Historiker wie Niall Ferguson haben das schon früh verstanden. Er erinnert die Menschen an etwas, das eigentlich alle wissen könnten. Uwe Jean Heuser erläutert: „Die größte Gefahr für den internationalen Kapitalismus und damit auch indirekt für die weltoffene Demokratie ist dieser Kapitalismus selbst, weil er zur Übertreibung neigt und sich auf diese Weise die eigene Grundlage entzieht.“ Und diese Grundlage ist das Vertrauen der Menschen ins System und auch zueinander; wenn sie Handel treiben oder verhandeln. Deals schließen oder einander Kredite gewähren. Es wäre ein Wunder, wenn eine so tiefgreifende Gefahr sich einfach verflüchtigte. Uwe Jean Heuser isst einer der renommiertesten Wirtschaftsjournalisten Deutschlands und Leiter des Wirtschaftsressorts der ZEIT.

Akute Frustration tritt nicht in der größten Not auf

Die Stimmung gegen freie Weltmärkte, gegen den internationalen Austausch von Waren, Geld und Arbeit beziehungsweise Menschen, sie entwickelt sich erst langsam und hält sich dann hartnäckig. Niall Ferguson sagte: „Viel muss geschehen, ehe eine Vielzahl oder gar Mehrheit der Bürger den liberal-internationalen Konsens aufkündigt. Aber dann geschieht es auch mit historischer Wucht.“ Eine solche Stimmung ist gerade nicht Teil der Wankelmütigkeit, die Nachrichten und Umfragewerte tagtäglich zu demonstrieren scheinen.

Uwe Jean Heuser stellt fest: „Was vielmehr geschieht, ist, leider, nachhaltig: Verunsicherte und verstimmte Bürger verlangen eine „neue Perspektive“. Etwas ganz anderes, sozusagen. Wenn die liberale Demokratie ihnen das nicht bietet, suchen sie am Rand des Spektrums, und das von Paris bis Washington, von Wien bis Athen, mal in Minderheit, mal in Mehrheit.“ Der britische Publizist Andrew Sullivan hat sich mit diesem „kollektiven Gefühl akuter Frustration“ näher beschäftigt. Sie trete nicht etwa in Erscheinung, wenn die Not am größten sei, so seine Erkenntnis.

Die Zukunft bringt keine Erleichterung gegenüber früher

Andrew Sullivan hat herausgefunden: „Das Gefühl entsteht erst, wenn die akute Bedrohung vorbei ist, aber die Zukunft nicht viel besser aussieht als das Erlebte.“ Wenn zum Beispiel der wirtschaftliche Aufschwung nur langsam kommt und die Menschen in der Mitte der Gesellschaft kaum erreicht. Andrew Sullivan drückt das wie folgt aus: „Nach Rezession und Arbeitslosigkeit zeichnet sich eine Zukunft ab, in der eine echte Erleichterung gegenüber früher gerade so außerhalb der eigenen Reichweite zu sein scheint.“

Andrew Sullivan fährt fort: „Und wenn dann denjenigen, die doch die Rezession mit verursacht haben, keine Strafe, sondern nur neuer Reichtum winkt, schwillt die Wut an.“ In Deutschland zum Beispiel ist das Vermögen im Vergleich der Industrieländer besonders ungleich verteilt. Die Mittelschicht wird unter anderem dadurch verunsichert, dass sie für ihre Spareinlagen keine Zinsen mehr bekommt. Und gerade diese Bürger wurden von der Politik jahrzehntelang gedrängt, privat für ihr Alter vorzusorgen. Quelle: „Kapitalismus inklusive“ von Uwe Jean Heuser

Von Hans Klumbies

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