Max Frisch reflektiert über den Beruf des Schauspielers

Für Max Frisch ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Schauspieler, im Gegensatz zu jedem anderen Künstler, kein anderes Instrument hat als sich selbst, seine eigene leibliche Persönlichkeit. Auch die Maler, die Bildhauer, die Schriftsteller und die Musiker sind eitel. Aber in einer Gesellschaft treten sie immer ohne ihre Werkzeuge auf, das heißt sie kommen ohne Palette, ohne Meißel, ohne Computer und ohne Kontrabass. Der Schauspieler dagegen, ob er will oder nicht, kann sein Instrument nicht zu Hause lassen. Max Frisch schreibt: „So kommt der Schauspieler, wenn nicht gerade ein Haus einstürzt, nie ganz aus seiner Begabung heraus; das ist sein Fluch, sein Gehäuse, seine besondere Wirkung, die verblüfft und später langweilt, je mehr er nämlich, kraft seiner immer gegenwärtigen Mittel, die Gesellschaft dominiert.“

Die Erotik des Theaters

Angeblich können Schauspieler nur vom Theater sprechen. Nach Max Frisch stimmt das: sie reden vom Theater, aber nicht über das Theater. Er erklärt: „Meistens reden sie von Personen, die sie lieben oder hassen, oder von Rollen, wie Frauen etwa von einem neuen Mantel sprechen.“ Das ist seiner Meinung das rasch Verbindende und das langsam Abstoßende des Umgangs mit ihnen, denn sie sprechen stets von der eigenen Person, wobei das Theater dieser Person einen immer wieder neuen Mantel zur Verfügung stellt.

Das Theater ist laut Max Frisch etwas durch und durch Erotisches, aber weiblich erotisch, und dass die Männer, die diesen Raum betreten, so häufig den geschlechtlichen Reizen der Frauen verfallen sind oder ihnen verfallen müssen, ist kein Zufall, sondern wesentlich. Das Schauspielerische ist ein Grundzug des weiblichen Wesens, eine Eigenheit der Frau, dem der Mann niemals beikommt. Es ist ein Spiel der Verwandlung, ein Spiel der Verkleidung.

Schauspieler haben kein Bedürfnis nach Erkenntnis

Ohne Eros gibt es für Max Frisch keine Kunst. Er erklärt: „Erotisch im weiten Sinn ist der Drang, da zu sein, und die Sehnsucht, sein Dasein darzustellen.“ Das Schauspielerische und das Tänzerische sind seiner Meinung nach am nächsten bei der naturhaften Erotik, die ebenfalls mit dem eigenen Leib und der eigenen Stimme spielt und wirkt. Bei anderen Künstlern kommt neben dem erotischen Drang, ihr Dasein darzustellen, noch ein anderer gleichwertiger Wunsch hinzu: der intellektuelle, das Bedürfnis der Erkenntnis.

Max Frisch geht davon aus, dass der intellektuelle Drang unter Schauspielern nahezu verpönt ist. Und die Verachtung die sie dem Intellekt entgegenbringen, ist voller Hass und erbarmungslos. Denn Schauspieler lassen sich nicht von der Intelligenz führen, sondern nur von Regisseuren, die in ihnen das Bedürfnis erwecken, ihm zu gefallen. Es handelt sich dabei um das erotische Bedürfnis. Max Frisch schreibt: „Man muss sich in sie verlieben! Sonst sind sie nicht auszuhalten.“

Von Hans Klumbies

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