Der Mensch kann zwischen gut und böse unterscheiden

Für den Sozialphilosophen Hans Joas ist der erste Wert, der mit dem Begriff Bildung verknüpft ist, die Selbstverwirklichung. Er sagt: „Bildung soll jemanden nicht auf ein von anderen gestecktes Ziel hin entwickeln, sondern auf eines, das dieser Mensch in sich selbst entdecken muss.“ Seiner Meinung nach kann die Entdeckung eines individuellen Ziels und die Annäherung daran nur durch Eigenständigkeit funktionieren. Hans Joas glaubt nicht, dass Bildung hauptsächlich im Bereich außerhalb von Institutionen stattfindet. Denn das würde bedeuten in den Schulen und Universitäten würde Ausbildung gelehrt, während die wahre Bildung in der Freizeit stattfinden müsste. Hans Joas behauptet: „Das Spannungsverhältnis zwischen Bildung und Ausbildung ist für die deutsche Universitätsgeschichte charakteristisch.“ Hans Joas ist Fellow am Freiburg Institute for advanced studies (FRIAS) und assoziiertes Mitglied des Max-Weber-Kollegs.

Der passivische Grundcharakter der Werteerziehung

Ein Kerngedanke, der in vielen Schriften von Hans Joas auftaucht, lautet, dass sich Werte über Institutionen nicht einfach anerziehen lassen. Er erklärt: „Was ich sage, ist, dass es keine einfache intentionale Werteerziehung gibt. Für mein Verständnis von Wertbildung ist zentral, dass diese ein passivisches Element enthält.“ Die Werte sind es, die den Menschen ergreifen und nicht umgekehrt. Sie wählen ihre Werte nicht aus einer Matrix aus, sondern es ist ihnen irgendwie klar, was gut und was böse ist. Hans Joas nennt diesen Vorgang „subjektive Evidenz“.

Bei der Unterscheidung von gut und böse können sich die Menschen auf ihren Erfahrungshorizont verlassen. Hans Joas erläutert: „Und diese Bewertung ist ihnen subjektiv evident, das heißt, sie haben nicht das Gefühl, dass sie dafür eine Rechtfertigung bräuchten. Bei der Werteerziehung geht es also darum, solche Evidenzen herzustellen.“ Hans Joas rät dringend davon ab, Werte mit dem Begriff „Du musst!“ weitergeben zu wollen, denn das funktioniert bei Werten nicht. Er ist davon überzeugt, dass ohne die Einsicht in den passivischen Grundcharakter keine Werteerziehung stattfinden kann.

Die Attraktivität der Werte zieht die Menschen an

Hans Joas definiert den Unterschied zwischen Werten und Normen wie folgt: „Normen sind restriktiv, Werte sind attraktiv.“ Normen schließen seiner Meinung nach bestimmte Handlungen aus. Bestimmte Dinge darf man nicht tun. Moralische oder rechtliche Normen sind für die Unzulässigkeit bestimmter Handlungen oder vielleicht sogar bestimmter Ziele des Handels verantwortlich. Werte dagegen richten eine Person erst auf die Möglichkeit einer Handlung hin aus.

Laut Hans Joas ist ein Vorbild für einen Menschen unter anderem vor allem deshalb so attraktiv, weil es eine Art und Weise der Gestaltung seines Lebens vorlebt, von der man vielleicht vorher gar nicht wusste, dass sie existiert. Hans Joas sagt: „Ich hätte mir diese Lebensweise vielleicht selbst gar nie zugetraut. In Anlehnung an dieses Vorbild wird sie aber für mich realisierbar, weil ich mir denke: Dieser Mensch kann das ja auch!“ Darum bezeichnet Hans Joas die Werte als attraktiv, weil sie Menschen anziehen. Zudem sind sie in einem bestimmten Sinn auch konstitutiv, weil sie etwas erst hervorbringen.

Von Hans Klumbies

 

 

 

 

 

 

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