Friedrich Nietzsche ruft das Ende der Verantwortung aus

In seinem Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ schreibt Friedrich Nietzsche über die Geschichte der moralischen Empfindungen folgendes: „Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder böse ohne alle Rücksicht auf die Motive, sondern allein der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft gut oder böse innewohne. Sodann legt man das Gut- oder Böse-sein in die Motive hinein und betrachtet die Thaten an sich als moralisch zweideutig.“ Danach gibt man das Prädikat gut oder böse nicht mehr dem einzelnen Motiv, sondern dem ganzen Wesen eines Menschen. So macht man der Reihe nach den Menschen für seine Wirkungen, dann für seine Handlungen, dann für seine Motive und schließlich für sein Wesen verantwortlich.

Die Geschichte der Moral ist ein einziger Irrtum

Am Ende entdeckt man schließlich, dass auch dieses Wesen nicht verantwortlich sein kann, insofern es ganz und gar notwendige Folge ist und aus den Elementen und Einflüssen vergangener und gegenwärtiger Dinge wächst. Also ist der Mensch für nichts verantwortlich zu machen, weder für sein Wesen, noch seine Motive, noch seine Handlungen, noch seine Wirkungen. Damit ist man zur Erkenntnis gelangt, dass die Geschichte der moralischen Empfindungen die Geschichte eines Irrtums, des Irrtums von der Verantwortlichkeit ist: als welcher auf dem Irrtum von der Freiheit des Willens beruht.

Für Friedrich Nietzsche ist die Geschichte der Moral also ein einziger Irrtum. Der Mensch ist seiner Meinung nach für nichts verantwortlich – weder für seinen Charakter und seine Einstellungen noch für sein Verhalten und dessen Folgen. Friedrich Nietzsche schreibt: „Die völlige Unverantwortlichkeit des Menschen ist der bitterste Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muss, wenn er gewohnt war, in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines Menschentums zu sehen.“ Laut Friedrich Nietzsche beruht der falsche Glauben an die Verantwortung nicht nur auf der Illusion der Willensfreiheit, sondern auch auf der Suche nach Schuldigen, wo es keine gibt.

Die Lehre vom Willen dient dem Zweck der Strafe

Friedrich Nietzsche schreibt in seinem Werk „Götzen-Dämmerung“ folgendes: „Überall wo Verantwortlichkeiten gesucht werden, pflegt es der Instinkt des Strafens- und Richten-Wollens zu sein, der da sucht. Man hat das Werden seiner Unschuld entkleidet, wenn irgend ein So-und-so-Sein auf Wille, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückgeführt wird: die Lehre vom Willen ist wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe, das heißt des Schuldig-finden-wollens.“ Friedrich Nietzsche ist damit der erste Verteidiger der Verantwortungslosigkeit.

Das Prinzip Verantwortung ist spätestens seit dem gleichnamigen Buch von Hans Jonas aus dem Jahre 1979 allgegenwärtig geworden. Es bildet die Basis des Normen- und Rechtssystem der westlichen Welt. Es stellt das Leitbild des aktivierenden Staates dar, der seine Bürger zu stärkerer Eigenverantwortung anhält. Es steht im Zentrum der Zivilgesellschaft, die auf den Pfeilern der Teilhabe und Mitverantwortung beruht. Nicht die Verantwortungslosigkeit hat sich durchgesetzt, sondern die Verantwortung. Wenn man sich allerdings die aktuellen Krisen anschaut, kann man durchaus gegenteiliger Meinung sein. Quelle: „Verantwortung und Verantwortungslosigkeit“ von Ludger Heidbrink

Von Hans Klumbies

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