Sprechen und Handeln sind sehr nahe miteinander verwandt

Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen laut Hannah Arendt, wer sie sind und zeigen dabei aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens. Ihrer Meinung nach kann sich die jeweils eigenen Identität allerdings nur gegenüber anderen zeigen und bewähren. Handeln besteht deshalb für Hannah Arendt überwiegend aus Interaktion. Sprechen bedeutet für sie Kommunikation, die nicht nur dazu dient, reine Informationen auszutauschen, sondern Beziehungen zwischen Menschen stiftet. Gerade in diesem Zwischenmenschlichen entsteht für Hannah Arendt der ursprüngliche politische Raum. Die Totalitarismen haben diesen Ort der Politik zerstört, indem sie die Beziehungen zwischen den Menschen vernichteten. In ihrem Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ geht es Hannah Arendt deshalb vor allem darum, der Politik die Würde zurückzugeben.

Nur im Menschen wird die Besonderheit zur Einzigartigkeit

Das Faktum menschlicher Pluralität, die grundsätzlichen Bedingungen des Handelns und des Sprechens, manifestiert sich laut Hannah Arendt auf zweierlei Art, als Gleichheit und als Verschiedenheit. Ohne Gleichheit gäbe es ihrer Meinung nach keine Verständigung unter den Lebenden, kein Verstehen der Toten und kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von den aktuell Lebenden, aber doch immer noch von der Gattung Mensch bevölkert sein wird. Ohne Verschiedenheit bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns für eine Verständigung.

Verschiedenheit und Besonderheit sind für Hannah Arendt nicht das Gleiche. Sie erklärt: „Besonderheit oder Andersheit, die merkwürdige Eigenschaft, der alteritas, die allem Seienden als solchem eignet und die daher von der mittelalterlichen Philosophie zu den Universalien gezählt wurde, kennzeichnet zwar Pluralität überhaupt und ist der Grund dafür, dass wir nur definieren können, indem wir unterscheiden.“ Im Menschen wird die Besonderheit, die er mit allem Seienden teilt, zur Einzigartigkeit.

Worte wie auch Taten beantworten die Frage: „Wer bist Du?“

Sprechen und Handeln sind für Hannah Arendt die Tätigkeiten, in denen diese Einzigartigkeit sich darstellt. Sie erläutert: „Sprechend und handelnd unterscheiden sich Menschen aktiv von einander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart.“ Ein Leben ohne alles Sprechen und Handeln wäre für Hannah Arendt buchstäblich kein Leben mehr, sondern ein in die Länge eines Menschenlebens gezogenes Sterben.

Sprechend und handelnd schaltet sich das Individuum in die Welt der Menschen ein. Handeln und sprechen sind laut Hannah Arendt auch deshalb so nahe miteinander verwandt, weil das Handeln der spezifisch menschlichen Lage, sich in einer Vielheit einzigartiger Wesen als unter seinesgleichen zu bewegen, nur entsprechen kann, wenn es eine Antwort auf die Frage „Wer bist Du?“ bereithält. Hannah Arendt kennt die Antwort: „Aufschluss darüber, wer jemand ist, geben implizit sowohl Worte wie auch Taten.“

Kurzbiographie: Hannah Arendt

Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover geboren. Schon im Alter von vierzehn Jahren beschäftigt sie sich mit den Werken von Immanuel Kant und Karl Jaspers. Ab 1924 studiert Hannah Arendt Philosophie, Theologie und Griechisch bei Martin Heidegger, wechselt zu Edmund Husserl nach Freiburg und promoviert bei Karl Jaspers in Heidelberg.

Im Jahr 1933 flieht sie nach Paris, freundet sich mit Walter Benjamin an und lernt 1936 Heinrich Blücher kennen, der ihr zweiter Ehemann wird. Ab 1941 findet Hannah Arendt in den USA ihre neue Heimat. In Amerika gelingt ihr 1951 der öffentliche Durchbruch mit dem Buch „The Origins of Totalitarianism“. Kurz darauf veröffentlicht sie ihr theoretisches Hauptwerk „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“.

Hannah Arendt reist im Jahr 1961 im Auftrag der Zeitschrift „The New Yorker“ nach Israel, um über Adolf-Eichmann-Prozess zu berichten. In ihren Artikeln und in dem daraus entstandenen Buch „Eichmann in Jerusalem“ entdeckt Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“. Demnach stellt Adolf Eichmann eine neue, moderne Form des Täters dar: erschreckend gedankenlos, ein „Verwaltungsmassenörder“ der Juden, der sich dennoch hätte anders entscheiden können und müssen. Hannah Arendt stirbt 1975 an einem Herzinfarkt in New York.

Von Hans Klumbies

 

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