Eine Gesellschaft ohne Herrschaft ist nicht realisierbar

Die Lebenschancen eines Menschen sind laut Ralf Dahrendorf niemals gleichmäßig verteilt. Es existiert keine Gesellschaft, in der alle Männer, Frauen und Kinder dieselben Anrechte haben und dasselbe Angebot genießen. Er begründet dies in der Tatsache, dass jede Gesellschaft unterschiedliche Aufgaben, aber auch unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten der Menschen koordinieren muss. Die sozialen Positionen können dabei abstrakt gesehen, verschieden sein, ohne einander über- und untergeordnet zu werden. Ralf Dahrendorf schreibt: „In der Vorstellung der herrschaftsfreien Kommunikation ist der Gedanke von Jürgen Habermas erneut zum erstrebenswerten Ziel erhoben worden, wobei Habermas in einer Tradition steht, die über Marx` Assoziation freier Menschen zum mittelalterlichen Begriff der Genossenschaft zurückführt.“

Herrschaftsinstanzen wachen über den Wertekanon einer Gesellschaft

Doch für Ralf Dahrendorf sind alle diese Hoffnungen nur Illusionen, denn in der Praxis verlangt jede gesellschaftliche Assoziation die Herrschaft. Er erklärt: „Gesellschaft heißt nämlich immer Normierung von Verhalten.“ Die Normierung kann seiner Meinung nach nicht in der Luft schweben, sie kann nicht einmal auf bloßer Übereinkunft beruhen, da sie bedeutet, dass bestimmte Werte als geltend gesetzt werden. Zum Beispiel die Werte militärischer Tüchtigkeit oder der beruflichen Leistung.

Wenn Werte Gültigkeit haben sollen, dann heißt das nicht nur, dass Verhalten, Fähigkeiten und Aufgaben an ihnen gemessen werden, sondern dass auch Instanzen vorhanden sind, die ihnen Geltung verleihen und bei Missachtung der Werte Sanktionen verhängen können. Ralf Dahrendorf schreibt: „Sie können Gesetze machen, und sie können belohnen und bestrafen. Das aber sind Herrschaftsinstanzen.“ Gesellschaft heißt seiner Meinung nach Herrschaft und aus der Herrschaft resultiert die Ungleichheit.

Alle Macht korrumpiert

Aus der Ungleichheit wiederum entstehen laut Ralf Dahrendorf Konflikte, die eine Quelle des Fortschritts, einschließlich der Ausweitung menschlicher Lebenschancen, bieten. Er gibt allerdings zu, dass die Herrschaft nicht in jeder Form eine gute Sache ist. Ralf Dahrendorf erklärt: „In der Tat ist sie das vielleicht in keiner Form. Alle Macht korrumpiert. Gesellschaft ist eben nicht nett, sondern nötig.“ Es stellt sich für ihn aber nicht die Frage, wie sich die Menschen von aller Herrschaft befreien, sondern wie sie die Herrschaft so zähmen können, das ein Optimum an Lebenschancen möglich wird.

Es gibt nach Ralf Dahrendorf Zeiten, in denen soziale Konflikte und ihre wissenschaftliche Erörterung einen fundamentalen oder konstitutionellen Charakter annehmen. Er schreibt: „Da geht es dann nicht nur um die Ausweitung des Wahlrechts oder die Verbesserung der Rentenversicherung, sondern um den Gesellschaftsvertrag selbst.“ Das geschah beispielsweise in England schon im 17. Jahrhundert und galt am Ende des 20. Jahrhunderts ebenso. Ralf Dahrendorf erläutert: „In solchen Zeiten stehen die Spielregeln von Herrschaft und Gesellschaft selbst zur Diskussion.“

Von Hans Klumbies


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