Apathie und Resignation in Deutschland

Feindbilder gegenüber Schwachen oder gesellschaftlichen Minderheiten hängen zusammen. Der Bielefelder Soziologe und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer und sein Forschungsteam nennen so ein Phänomen „Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Seit 2002 erforschen 15 Wissenschaftler welchen Vorurteilen und Diskriminierungen schwache Gruppen in der deutschen Gesellschaft ausgesetzt sind. Die Langzeitstudie ist auf zehn Jahre angelegt. Der aktuelle Jahresbericht, den das Forscherteam heute in Berlin präsentiert, kommt zu traurigen Befunden: Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zerbröckelt der Zusammenhalt in der Gesellschaft, werden zentrale Normen wie Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichwertigkeit der Menschen in Frage gestellt.

Die Mittelschicht fürchtet den sozialen Absturz

So glauben fast 65 Prozent der Befragten, die sich von der aktuellen Krise selbst betroffen fühlen, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen von der Gemeinschaft unterhalten werden müssen. Die Wissenschaftler um Wilhelm Heitmeyer haben auch herausgefunden, dass sich eine Angst in die deutsche Gesellschaft frisst, die Angst vor der Zukunft, die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg. Noch spalten die Menschen ihre Ängste auf.

Auf der einen Seite sehen sie ihre eigene Situation verhältnismäßig positiv, auf der anderen Seite empfinden sie aber die allgemeine Lage als belastend. 40 Prozent der Befragten sehen sich von der Krise persönlich betroffen. Die Angehörigen der Mittelschicht fühlen sich noch stärker von der Wirtschaftskrise bedroht als die Unterschicht, die den sozialen Absturz schon hinter sich hat.

Die Politik kann die Probleme nicht mehr lösen

Die Bielefelder Langzeitstudie zeigt auch, dass die globale Wirtschaftskrise das Vertrauen der Menschen in das kapitalistische Wirtschaftssystem so nachhaltig erschüttert hat, wie das vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre. 90 Prozent der Befragten glauben zwar, dass die Banker und Spekulanten die Hauptschuldigen der Weltwirtschaftskrise sind, mehr als 70 Prozent sehen die Verantwortung dafür aber auch beim Wirtschaftssystem an sich.

Die Wissenschaftler haben auch festgestellt, dass in Deutschland keineswegs eine Repolitisierung der Bevölkerung stattgefunden hat. Es findet genau das Gegenteil statt: Die Menschen werden apathisch und resignieren, die Unzufriedenheit schlägt in Hoffnungslosigkeit um. Immer weniger Deutsche glauben auch daran, dass die Politik die Probleme im Land lösen kann. Selbst in den oberen sozialen Schichten bröckelt das Vertrauen in die Politiker.

Von Hans Klumbies

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