Einsamkeit macht krank und kann zum Tod führen

Angesichts der nachgewiesenen ungünstigen Auswirkungen von Einsamkeit und sozialer Isolation auf die Morbidität und Mortalität – man wird krank und stirbt daran – wundert sich Manfred Spitzer darüber, dass vergleichsweise wenig getan wird, um etwas zu ändern. Denn Einsamkeit kann im Prinzip jeden treffen, beispielsweise auch Persönlichkeiten aus Film und Fernsehen, Sport oder Politik. Manfred Spitzer rät: „Wer von Einsamkeit betroffen ist, sollte daher nicht abwarten, bis das Problem irgendwann auf dem öffentlichen oder gar politischen Radarschirm erscheint.“ Und selbst wenn es öffentliche Kampagnen auch in Deutschland einmal geben sollte, wäre dies ja nur der Anfang. Der erste Schritt zur Lösung eines Problems besteht meistens darin, es zunächst einmal zu erkennen und seine ganze Tragweite zu ermessen. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.

Einsamkeit muss kein Dauerzustand sein

Hinsichtlich der Einsamkeit verhält es sich ebenso wie bei Schmerzen, die zunächst sinnvoll sind und auf einen Fehler im System hinweisen, auf den man reagieren sollte; sie können in chronische Schmerzen übergehen, die dann selbst zum Problem werden und eigens behandelt werden müssen. Bei Krankheiten spricht man von Therapie, bei nichtmedizinischen Zuständen, die man ändern will, hingegen von Interventionsmethoden. Bei Einsamkeit kann man durchaus etwas tun.

Das Spektrum reicht von begleiteter Unterstützung durch Mitmenschen über das Training sozialer Fähigkeiten bis hin zur Ermöglichung größerer Teilhabe an der Gesellschaft. Wenn diese Bemühungen professionell begleitet werden – beispielsweise durch einen Arzt oder Psychologen –, sind die Chancen zudem nachweisbar besser. Dennoch muss man sich immer klar machen, dass für einen nicht einsamen Menschen nicht immer nachvollziehbar ist, was und vor allem wie der Einsame denkt und fühlt. Daher kann vieles, was gut gemeint ist, nicht funktionieren.

Niemand wird willentlich einsam

Nach aktuellen Studien liegt der Schlüssel zum Aufbrechen des unsichtbaren Gefängnisgitters, das einsame Menschen umschließt, in den automatisch auftretenden negativen Gedanken im Hinblick auf andere Menschen im Allgemeinen und spezielle Kontakte im Besonderen. Um hier Missverständnisse zu vermeiden, sagt Manfred Spitzer ganz klar, dass niemand willentlich einsam wird. Dies geschieht vielmehr mit ihm oder ihr, wird passiv erlebt, obgleich nicht selten eine „Eigenanteil“ vorliegt.

Manfred Spitzer erläutert: „Haltungen, Gefühle und Verhaltensweise schleichen sich ein, ebenso wie schlechte Essgewohnheiten, ein bewegungsarmer Lebensstil oder ein hoher Bildschirmmedienkonsum.“ Niemand will ungesund leben, sehr viele tun es trotzdem. So ist das auch mit der Einsamkeit. Man gerät hinein, zunächst unbemerkt und dann verstärkt die Einsamkeit irgendwann sich selbst, und man befindet sich im Abwärtsstrudel. Quelle: „Einsamkeit“ von Manfred Spitzer

Von Hans Klumbies

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