Gute Erziehung ist weder streng noch liberal

Auch der Bereich der Erziehung – ob in der Familie, der Kita oder anderswo – ist bekanntlich keine konfliktfreie Zone. Nicht zuletzt ist gerade aggressives Verhalten von Kindern immer wieder ein Thema für pädagogische Diskussionen. Hans-Peter Nolting stellt fest: „Wenn Kinder sich rücksichtslos verhalten oder als kleine Tyrannen aufspielen, wird in breitem Konsens vor allem ein Erziehungsprinzip hervorgehoben: Man muss Kindern Grenzen setzten.“ Das stimmt sicherlich, dennoch ist mit dieser Einsicht nicht viel gewonnen. Zum einen kommt es sehr darauf an, auf welche Weise man Grenzen setzt, denn zuweilen geschieht das mit Methoden, die das Problem eher noch verschärfen. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Gute Erziehung ist feinfühlig und lenkt auf positive Weise

Zum anderen sollte grundsätzlich der Schwerpunkt der Erziehung nicht darauf liegen, unerwünschtes Verhalten einzudämmen, sondern erwünschtes Verhalten zu fördern. Hans-Peter Nolting sagt es noch etwas bildhafter: „Erziehung soll zwar Grenzen setzen, vor allem aber Wegweiser! Überdies ist gute Erziehung immer auch das Pflegen einer guten Beziehung.“ Ein schlechter Erziehungsstil zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: aggressive Vorbilder, mangelnde Wärme und Einfühlung, harte Disziplinierungsmethoden, mangelnde Förderung positiver Sozialkompetenzen, Nachgiebigkeit gegenüber aggressivem Verhalten und der fehlenden Vermittlung von Regeln.

Gute Erziehung ist laut Hans-Peter Nolting weder „streng“ noch „liberal“. Gute Erziehung ist feinfühlig und lenkt auf positive Weise. Zunächst einmal hat Erziehung nicht nur ein einziges, sondern verschiedene Ziele zu verfolgen. Für geringe Aggressivität zu sorgen, wäre daher ohnehin zu wenig; denn diesem Ziel wäre auch Genüge getan, wenn ein gehemmtes, unterwürfiges Kind heranwüchse. Die meisten Eltern in unserem Kulturkreis haben wahrscheinlich vor Augen, dass ihr Kind Selbstvertrauen und Selbstständigkeit entwickelt.

Gute Erziehung führt zu von Einsicht geleitetem Verhalten

Zudem wünschen sie sich ein Kind, dass Leistungsanforderungen ernst nimmt und nach Erfolg strebt nicht unter Ängsten, Depressionen, Süchten oder psychosomatischen Beschwerden leidet, sich gegenüber anderen Menschen verantwortungsbewusst und kooperativ verhält sowie nur wenig aggressives und möglichst gar kein gewalttätiges und kriminelles Verhalten zeigt. Aus der Forschung ist inzwischen hinreichend bekannt, welcher Erziehungsstil am ehesten gleichzeitig allen genannten Zielbereichen gerecht wird.

Es handelt sich dabei um jenen, der einerseits Verhaltensanforderungen an das Kind richtet (Lenkung) und andererseits Wärme, Sensibilität und Anteilnahme ausdrückt (emotionale Resonanz). Der Stil der beides miteinander verbindet wird „autoritativ“ genannt und drei anderen Stilen gegenübergestellt: dem „autoritären“ (machtorientierte Lenkung, wenig Wärme), dem „nachgiebigen“ (Wärme, aber keine Lenkung) und dem „vernachlässigendem“ (keine Wärme und keine Lenkung). Anders als beim autoritären Stil geht es dem autoritativen vorrangig um das Hinführen zu selbstständigem, von Einsicht geleitetem Verhalten. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies

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