Die Rolle Deutschlands im Europa der Eurokrise

Für den Journalisten Joachim Käppner, Ressortleiter München bei der Süddeutschen Zeitung, steht Deutschland in der Eurokrise etwas ratlos da. Seiner Meinung nach steht es dort, wo es nach 1945 niemals mehr stehen wollte: als herausragende und dominierende Nation in der Mitte Europas. Joachim Käppner blickt auf das vergangene Jahrhundert zurück und schreibt: „Seine Versuche im 20. Jahrhundert, dies mit Kanonen und Panzern zu werden, endeten in Apokalypsen aus Blut und Feuer, aber eben darum gibt es dieses Deutschland nicht mehr.“ Er zitiert den Historiker Heinrich August Winkler, der die Resozialisierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg als einen Weg der demonstrativen Bescheidenheit und der Demut beschreibt.

Europa braucht eine funktionierende Wirtschaft und eine stabile Währungsunion

Die Bonner Republik war laut Joachim Käppner ein Großmeister in der Kunst sich kleinzumachen. Die Zeiten haben sich allerdings seitdem in Europa extrem gewandelt. Joachim Käppner schreibt: „Aber das geht nun nicht mehr, wenn einzig Deutschland wirtschaftlich stark genug zu sein scheint, um für die Aktion „Rettet den Euro!“ zu bürgen.“ Deutschland tut sich mit der neuen Rolle als dominierende Macht in Europa noch schwer. Außenpolitisch neigt die Republik gemäß Joachim Käppner noch immer zur Zurückhaltung, wie beim Angriff auf Libyen, als Deutschland nicht mit Frankreich und Großbritannien in den Krieg zog.

Entscheidend für Europas Zukunft sind ein funktionierender Wirtschaftsektor und eine zuverlässige und stabile Währungsunion. Schon in der Vergangenheit hatten in diesen Bereichen Deutschland und sein einstiger Erzfeind Frankreich eine Vorbildfunktion in Europa. Joachim Käppner erklärt: „In Bonn saß die ökonomische Power, in Paris die politische.“ Heute hat Frankreich viel von seinen ehemaligen Führungsqualitäten eingebüßt, wie beispielsweise der Verlust des „Triple A“ der Grande Nation schmerzhaft vor Augen geführt hat.

Die Europäische Union ist eine historisch einmalige Errungenschaft

Inzwischen richten sich alle Hoffnungen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf Deutschland, aber es gibt auch ebenso viele Ängste. Joachim Käppner schreibt: „Die nationalistischen Töne aus den angeschlagenen Staaten des Südens sind schrill und hässlich. In ihnen zeigt sich das Wesen des Nationalismus, der alten Versuchung des Kontinents.“ In Griechenland tritt der Nationalismus eher verzweifelt auf, in Ungarn eher bizarr und peinlich, während er sein mörderisches Potential in den Jugoslawienkriegen von 1991 bis 1999 offenbarte.

In Wahrheit beweist gerade die schwerste Krise seit Beginn des Einigungswerks, wie lebenswichtig für Europa eben diese Einigung ist. Sie zeigt laut Joachim Käppner, dass eine gemeinsame Währung, ein freier Warenverkehr, offene Grenzen und die Freundschaft der Völker nicht zum Nulltarif zu haben und auch keine Selbstverständlichkeit ist. Für Joachim Käppner ist der Wert der Europäischen Union nicht hoch genug einzuschätzen. Er schreibt: „Es handelt sich um historisch einmalige Errungenschaften eines Kontinents, dessen Völker bis vor zwei Generationen ihre Streitfragen über Kriege austrugen.“

Von Hans Klumbies

 

 

 

 

 

 

 

 

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