Bei Kurt Tucholsky wächst die Verbitterung (10.Teil)

Auch wenn selbst heute noch immer wieder behauptet wird, man habe damals doch nicht wissen können, was Adolf Hitler bedeute … In allen politischen Lagern, von den Sozialisten bis zu den Konservativen, wurde seit 1929/30 auf die kommende Katastrophe hingewiesen, mit vielen Worten, aber ohne dieses Taten folgen zu lassen. Und Kurt Tucholsky befürchtete zu Recht, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen den Rechtsruck, auch mit den Nationalsozialisten, wollte, weil sie die Schmach von Versailles zu tilgen suchte und nach Revanche für den verlorenen Krieg strebte. Frankreich war und blieb der Erbfeind, allen politischen Sonntagsreden und Verträgen zum Trotz. Kurt Tucholsky stellte bitter fest: „Kerle wie Mussolini oder der Gefreite Hitler leben nicht so sehr von ihrer eigenen Stärke wie von der Charakterlosigkeit ihrer Gegner.“

Kurt Tucholsky schlug um sein Heimatland einen weiten Bogen

Auch der Journalist, Schriftsteller und Pazifist Carl von Ossietzky klagte: „Das ist das Erschütternde an dem gegenwärtigen Zustand: nicht der Faschismus siegt, die Anderen passen sich ihm an.“ Wer in Deutschland vor dieser Entwicklung warnte, geriet zunehmend in Bedrängnis. Linke Zeitschriften und Zeitungen wurden massenhaft verboten, zahlreiche Redakteure wegen angeblichen Hochverrats verurteilt und eingesperrt. Im November 1931 wurde zum Beispiel Carl von Ossietzky zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt.

Mitte April 1932 schrieb Kurt Tucholsky seine letzten Arbeiten für die „Weltbühne“, danach trat er seine letzte große Reise an. Nach dem 29. September des gleichen Jahres verstummte er für die Öffentlichkeit. Kurt Tucholsky war krank, ein dahingegangener Schriftsteller, der um sein Heimatland einen weiten Bogen schlug. Die letzten Zuckungen der Demokratie hatten in Deutschland begonnen, die Republik beging langsam Selbstmord, Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Sechs Millionen Arbeitslose und eine unvorstellbare Not und Armut, Straßenschlachten, Aufhebung des SA- und SS-Verbotes, die NSDAP mit 230 Abgeordneten stärkste Fraktion im Reichstag, Notverordnungen – diese Stichworte markieren einige der Eckpunkte des letzten Jahres der nur formal noch demokratisch zu nennenden Republik.

Im August 1933 wurde Kurt Tucholsky ausgebürgert

Kurt Tucholsky verfolgte die Vorgänge in Deutschland an der Côte d’Azur mit wachsender Verbitterung und Resignation. Fast alles war eingetroffen, was er und seine Kollegen vorausgesagt hatten. Meist überbot die Wirklichkeit sogar die als Übertreibung gedachten Warnungen. Nachdem am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernommen hatten, war Kurt Tucholsky endgültig ohne Zukunft. Zudem war der Schriftsteller mit einem Schlag sämtlicher Einkünfte beraubt.

Am 25. August 1933 wurde Kurt Tucholsky ausgebürgert und sein noch in Deutschland verbliebenes Vermögen beschlagnahmt. Radikale Selbsteinkehr, Einsicht und Strategiekritik verlangte er von sich und den aus Deutschland geflohenen und Geworfenen, radikales Umdenken, da die alten Rezepte so völlig versagt hätten: „Man muss ganz von vorn beginnen und kann nicht einfach weitermachen, als sei nichts geschehen. Wenn man Hitler mit den bisherigen Konzepten und als man noch die Macht im Lande besaß schon nicht hat aufhalten können, wie sollte man ihn dann mit den gleichen Konzepten aus der Emigration heraus wirkungsvoll bekämpfen können?“ Quelle: „Kurt Tucholsky“ von Michael Hepp

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