Emotionen wandern von einem Menschen zum anderen

Die menschlichen Gehirne sind so aufgebaut, dass sie einander Emotionen rasch übermitteln können, denn Gefühle transportieren sehr häufig wichtige Funktionen über die Umgebung. Registriert zum Beispiel ein Mensch die Angst eines anderen, verspürt er wahrscheinlich auch Angst und überprüft folglich seine Umgebung auf Gefahren. Das kann die Rettung sein. Und wenn jemand bei einem anderen Begeisterung wahrnimmt, ist das ansteckend, und des könnte sich lohnen, die Umgebung nach etwas Reizvollen abzusuchen. Tali Sharot erklärt: „Das alles geschieht sehr rasch, bevor wir auch nur den Hauch einer Chance haben, darüber nachzudenken.“ Offenbar ist die Fähigkeit angeboren, Freude, Schmerz und Stress anderer mitzufühlen. Tali Sharot wurde an der New York University in Psychologie und Neurowissenschaften promoviert und ist Professorin am Institut für experimentelle Psychologie der University of London.

Twittern ist emotional sehr aufwühlend

Wer Vater oder Mutter ist, hat wohl nicht schlecht gestaunt, als er oder sie bemerkte, in welchem Maß ihre Kinder vom ersten Tag an ihre seelischen Auf und Abs widerspiegeln. Emotionen – im Prinzip nichts anderes als körperliche Reaktionen auf äußere Ereignisse oder eigene Gedanken – und mit ihnen wichtige Botschaften werden offensichtlich von einem Menschen auf den nächsten übertragen. Bei der Übertragung der Gefühle gibt es zwei Hauptmechanismen. Der erste ist unbewusste Nachahmung.

Der zweite Mechanismus hat mit Nachahmung nichts zu tun, sondern ist schlicht eine Reaktion auf emotionale Reize. Wie Experimente bewiesen haben, muss man anderen Menschen nicht einmal persönlich gegenüberstehen, damit sich ihre Emotionen auf einen selbst übertragen. Dies schaffen beispielsweise auch Posts in den sozialen Medien. Twittern gehört dabei zu den emotional aufwühlendsten Dingen, die ein Mensch an einem normalen Tag vermutlich tut. Studien belegen, dass Twittern die Pupillen erweitert, den Puls auf Trab und Schweißbildung hervorrufen kann.

Stimmungen beeinflussen das Verhalten

Tali Sharot hatte schon immer den Verdacht, dass Twitter so etwas die die „Amygdala des Internets“ ist: „Der Dienst verfügt über sämtliche erforderliche Zutaten für diese Rolle: Die Nachrichten sind kurz und werden sehr schnell sehr weit verbreitet.“ Diese instinktähnlichen Aspekte von Twitter bemühen das emotionale System viele Male am Tag und umgehen dabei ungemein wichtige Filter. Während dieses Instrument sehr hilfreich sein kann, um wertvolle Informationen zu übermitteln, begünstigt es möglicherweise aber auch die weniger schätzenswerten Aspekte eines Menschen.

Viele Menschen halten Emotionen vielleicht für einen Teil eines privaten Prozesses, der sich im Inneren abspielt. Sie sollten sich allerdings daran erinnern, dass die eigenen Gefühle durchsickern und von anderen Menschen nach und fern aufgenommen werden. Tali Sharot erläutert: „Die Folgen können beträchtlich sein. Sie beeinflussen nicht nur anderer Menschen Wohlbefinden, sondern auch deren Handlungen, denn Stimmung beeinflusst Verhalten.“ Es ist also wichtig, daran zu denken, dass man anderer Leute Emotionen allein dadurch verändert, dass man selbst welche hat. Quelle: „Die Meinung der anderen“ von Tali Sharot

Von Hans Klumbies

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