Jeder Fortschritt ist zugleich ein Rückschritt

Was die Menschheit der digitalen Technik und ihren Treibern tatsächlich verdankt, ist eine immer globalere Einheitszivilisation. Der digitale Code setzt sich spielend über Länder- und Kulturgrenzen hinweg und ebnet sie ein in einer technischen Universalsprache aus Einsen und Nullen, am Nil ebenso verständlich wie am Rhein und am Amazonas. Richard David Precht weiß: „Kulturell betrachtet ist jeder Fortschritt zugleich ein Rückschritt. Der Prozess begann mit dem Siegeszug des Effizienzdenkens, verstärkt durch sein mächtigsten Mittel: das Geld – der einzigen Sache, deren Qualität sich allein nach der Quantität bemisst.“ Wo das Geld regiert, verschwinden die Grenzen, aus beschaulichen Wochenmärkten wurden unübersehbare globale Märkte für Rohstoffe, Fertigprodukte und Spekulationen. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum

Die Lyder erfinden das Geld im 6. vorchristlichen Jahrhundert

Viele Menschen tauschen in den reichen Gesellschaften des Westens Kultur gegen Wohlstand. Die Lebensweisen gleichen sich dabei einander an, erst in Europa und Nordamerika, dann in Asien und dem Rest der Welt. Auch die sozialen Unterschiede und Traditionen werden durch das Geld aufgehoben. Adlig oder bürgerlich, katholisch, protestantisch oder buddhistisch, Araber, Inder oder Deutscher, Frau oder Mann – das Geld macht keine Unterschiede, außer Arm und Reich. Die Logik zur Einheitlichkeit ist die Logik des Geldes.

Seit der Erfindung des Geldes bei den Lydern im 6. vorchristlichen Jahrhundert versucht es seine materiellen Grenzen zu sprengen. Entspricht der Wert des Geldes am Anfang noch seinem Materialwert, wird es nach und nach zum reinen Symbol. Spätestens mit der Einführung von Wechseln im 15. Jahrhundert und von Banknoten im frühen 18. Jahrhundert befreit sich das Geld völlig vom Realwert und wird virtuell. Heute dominiert der bargeldlose Zahlungsverkehr ohne irdischen Gegenwert, bewegt von Computern ohne Seele in den Millisekunden des Hochfrequenzhandels.

Die Welt scheint heute völlig aus den Fugen zu geraten

Laut Richard David Precht steht es momentan sehr schlecht um die Werte der Aufklärung. Und jede Utopie einer Zukunftsgesellschaft muss sich fragen, wie sie gerettet werden können. Wenn das Ende der Lohnarbeit für viele nur dazu dient, ihre Daten statt ihrer Arbeitskraft verwerten zu lassen, verblasst das große Versprechen, das die Digitalisierung anbietet: dass, mit Oscar Wilde gesagt, produktiver Individualismus die Kultur bestimmt und nicht entfremdete Lohnarbeit. Der Glaube an den unaufhaltsamen technischen und wirtschaftlichen Fortschritt ist tiefsten linkes Gedankengut.

Richard David Precht erläutert: „Die Technik sollte die Welt permanent besser machen und dabei auch dem Arbeiter zu Rechten, Absicherung, Bildung und Wohlstand verhelfen.“ Rechts beziehungsweise konservativ zu sein bedeutete dagegen stets, die liberale und libertäre Entwicklung der westlichen Staaten als einen Verfall von Traditionen, Sitten und Werten zu betrachten. Ökonomisch betrachtet scheint die Welt heute gerade völlig aus den Fugen zu geraten. Zudem hat eine große Überforderung viele Menschen fest im Griff. Quelle: „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.