Gerald Hüther bewundert die Plastizität des Gehirns

Es gibt für Gerald Hüther wohl keine wissenschaftliche Entdeckung, deren Bedeutung für das menschliche Leben und das Zusammenleben so lange und so sehr unterschätzt worden ist, wie die nun schon vor einem halben Jahrhundert nachgewiesene Plastizität des menschlichen Gehirns. Gerald Hüther erläutert: „Sie bildet die Grundlage unserer enormen und bis ins hohe Alter fortbestehenden Lernfähigkeit. Diesem neuroplastischen Potential verdanken wir alles, was wir Menschen bisher geschaffen haben.“ Auch das, was einzelne Völker oder Staaten anderen Menschen und der Vielzahl anderer Lebewesen auf diesem Planeten angetan haben. Die Lernfähigkeit der Menschen und die aus ihr gespeiste Entdeckerfreude und Gestaltungslust bilden die Grundlage für das, was aus der Menschheit geworden ist. Dabei war die Herausbildung lernfähiger Gehirne im Verlauf der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Tiere kein Zufall. Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern in Deutschland.

Die Menschen geben ihr Wissen und Können an nachfolgende Generationen weiter

In einer immer vielfältiger werdenden und sich ständig verändernden Lebenswelt wurde die Lockerung der ursprünglichen noch sehr starren genetischen Programme zur Steuerung der Hirnentwicklung und damit des Verhaltens zu einem Selektionsvorteil. Mit einem Gehirn, dessen neuronale Vernetzungen sich auch noch nach der Geburt in Abhängigkeit von den jeweiligen Lebensbedingungen und den dort gemachten Erfahrungen herausbildeten, wurde es möglich, die bis dahin starren artspezifischen Verhaltensweisen an die jeweiligen konkreten Veränderungen des Lebensraums anzupassen.

Aufgrund der enormen Lernfähigkeit der Menschen, sind sie in der Lage, neu erworbenes Wissen und Können nicht nur an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Gerald Hüther ergänzt: „Unsere soziale Organisation in Form individualisierter Gemeinschaften ermöglicht auch eine enorm effektive horizontale Ausbreitung individuell erworbener Kenntnisse und Fähigkeiten unter den Mitgliedern dieser Gemeinschaften.“ Anfangs geschah das noch durch Vormachen und Weitersagen, später wurde es aufgeschrieben und gedruckt.

Das Rätsel Mensch ist noch nicht gelöst

Auch am eigenen Leib gemachte Erfahrungen und die aus diesen Erfahrungen abgeleiteten Überzeugungen, Einstellungen und Vorstellungen davon, worauf es im Leben ankommt und was das Menschsein ausmacht, breiten sich auf diese Weise in menschlichen Gemeinschaften aus. Dies hilft den Menschen ihre Handlungen, ihr Verhalten, ihr Selbstverständnis und ihr Zusammenleben an diesen inneren Bildern auszurichten. Anfangs waren die Gemeinschaften noch relativ klein, ihre Mitglieder kannten einander persönlich und fühlten sich durch ein emotionales Band von Zugehörigkeit miteinander verbunden.

Gerald Hüther weiß: „Die von solchen Gemeinschaften entwickelten Vorstellungen dienten dann auch primär der Stärkung des inneren Zusammenhalts, der Abwehr gemeinsamer Bedrohungen durch äußere Feinde, durch Not und Elend, Naturgewalten und Kriege.“ Überliefert wurden sie in Form von Mythen und Heldengeschichten, gemeinsam vollzogenen Ritualen, miteinander geteilten Werten, Regeln und Gesetzen. Bis heute ist es der Menschheit allerdings noch nicht gelungen, eine für alle Menschen gleichermaßen gültige und von allen akzeptierte Vorstellung davon zu entwickeln, was das Menschsein ausmacht. Quelle: „Würde“ von Gerald Hüther

Von Hans Klumbies

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