Die Selbstverwirklichung wird durch äußere Hindernisse eingeschränkt

Das romantische Konzept der Selbstverwirklichung geht generell davon aus, dass die Fähigkeiten des Selbst von Natur aus positiv sind. Das einzige Problem besteht darin, dass sie durch irgendwelche äußeren Hindernisse eingeschränkt werden: Staat, Gesetz, Despotismus, Patriarchat, Über-Ich, imperiale Autorität, herrschende Klasse, bürgerliche Moral und so fort. Terry Eagleton ergänzt: „Nach Sigmund Freuds Auffassung verinnerlichen wir das Gesetz in Gestalt des Über-Ichs, das heißt, wenn wir uns über seine Anweisung hinwegsetzen, laufen wir Gefahr, uns selbst zu schaden.“ Auch Edmund Burke ist sich bewusst, dass die einzige echte Souveränität diejenige ist, die man sich selbst zu eigenen macht. Es ist jene Macht, die Antonio Gramsci später als Hegemonie bezeichnet und gegen den Zwang abgrenzt. Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy.

Es gibt trügerische Formen der Freiheit

Terry Eagleton weiß: „Für Sigmund Freud sind wir unverbesserliche Masochisten, das heißt, wir lieben eben jenes Gesetz, in dessen Gegenwart wir zittern, was die Situation noch ein bisschen komplizierter macht.“ Macht und Begierde sind nicht einfach Antagonisten, sondern Mitverschwörer. Jedenfalls stellt sich die Frage: Wie kann man Begehren empfinden, bevor man ihm Ausdruck verliehen hat? Selbst dann steht nicht fest, dass man immer weiß, was man will. Denn man ist nicht transparent für sich selbst.

Man kann sich in dieser Frage leicht täuschen. Denn es gibt falsches Begehren und trügerische Formen der Freiheit. Was wäre übrigens, wenn Sigmund Freud recht hätte und man sich unbewusst wünscht, das eigene Begehren nicht zu erfüllen, da man es dann vernichten würde. Was, wenn das Verlangen darauf aus wäre, seine Befriedigung hinauszuschieben? Nach Sigmund Freuds Auffassung wohnt im Herzen des Verlangens ein kleiner Fehler oder Störimpuls, der vom Ziel ablenkt und das Unterfangen zum Scheitern verurteilt.

Die Wissenschaft von der Unzufriedenheit bezeichnet man als Psychoanalyse

Außerdem bleibt immer ein Rest des Begehrens unerfüllt, ganz egal, wie vollständig und frei man sich selbst auslebt. Unzufriedenheit gehört zur menschlichen Natur, und die Wissenschaft von der Unzufriedenheit bezeichnet man als Psychoanalyse. Solche Überlegungen sind der romantisch-humanistischen Tradition, zu der auch Karl Marx gehört, weitgehend fremd. Karl Marx dürfte tatsächlich davon ausgegangen sein, dass die menschlichen Kräfte und Fähigkeiten von Natur aus positiv sind und der Mensch einen relativ unverstellten Zugang zu seinem Selbst hat.

Danach wäre es zwar möglich, dass die Menschen getäuscht und manipuliert werden, völlig undurchsichtig würden sie sich selbst aber nie werden. Nach Karl Marx gibt es nichts Verworrenes und Unauflösliches im Inneren des Menschen, während Sigmund Freud seine eigene Version der Erbsünde entwirft. Nichtsdestotrotz gibt Karl Marx der romantischen Sichtweise eine neue Richtung. Er macht sie nutzbar für eine reale politische Kraft: Die Arbeiterbewegung und den Sozialismus. Das ist ein Schritt, den William Morris im englischen Fin de Siècle wiederholen wird. Quelle: „Kultur“ von Terry Eagleton

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.