Die Literatur wird zum Medium der Geschichte

Die Französische Revolution war nicht nur ein zentrales Ereignis der politischen Geschichte Westeuropas, sondern sie hatte grundlegende Bedeutung auch für die Entwicklung der literarischen Theorie und Praxis nach 1789. Die relative Einheitlichkeit der Literaturperiode von Johann Christoph Gottsched bis zu den Stürmern und Drängern, die in der aufklärerischen Funktionsbestimmung der Literatur begründet war, ging in der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und deren Rückwirkungen auf Deutschland verloren. Hatte die literarische Intelligenz in Deutschland 1789 den Ausbruch der Revolution noch begeistert begrüßt und als des „Jahrhunderts edelste That“ (Friedrich Gottlieb Klopstock) gerühmt, so nahm die Sympathie nach der Hinrichtung des Königs und den Septembermorden, spätestens aber nach dem Beginn der Jakobinerherrschaft spürbar ab und wich alsbald einem tiefen Abscheu vor den „Greueln“ im Nachbarland.

Die Rolle der Literatur wird neu überdacht

Die Erfahrungen, welche die Zeitgenossen mit der Französischen Revolution sammelten, führten zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Veränderbarkeit der Gesellschaft und die Rechtmäßigkeit revolutionärer Umwälzungen und revolutionärer Gewalt. Bei dieser Reflexion wurde auch die Rolle der Literatur neu überdacht. Die Frage, ob „Aufklärung zur Revolution“ führe beziehungsweise ob „gewaltsame Revolutionen durch Schriftsteller“ gefördert würden, gehörte zu den meisten diskutierten Problemen der 1790er Jahre.

Während viele Intellektuelle dazu neigten, den Einfluss der Literatur sehr gering anzusetzen, die Wirkungsmöglichkeiten der Schriftsteller also relativ pessimistisch einschätzten, behaupteten andere die große Bedeutung der aufklärerischen Literatur für die Revolution und für Veränderungen in der Gesellschaft. Die Kontroverse ging quer durch alle politischen Lager. Sie ist der Hintergrund, auf dem die Bemühungen der Schriftsteller um eine neue Literaturtheorie und -praxis in dieser Zeit gesehen werden müssen.

Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller lehnen die Französische Revolution strikt ab

Im Rahmen der Neubestimmung der Funktion von Literatur wurde die aufklärerische Selbstgewissheit, dass sich die Wahrheit ihren Weg schon bahnen und die Literatur dabei nur Vermittlerdienste zu leisten hätte, entscheidend eingeschränkt. An die Stelle des aufklärerischen Grundkonsenses über den besonderen erzieherischen Wert der Literatur trat eine Vielzahl von neuen Positionen. Dabei lassen sich drei Hauptrichtungen unterscheiden: die klassische, die maßgelblich von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller formuliert wurde, die romantische, die insbesondere von den Brüdern August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel sowie Novalis ausgearbeitet wurde, und die jakobinische, die von einer Reihe revolutionärer Demokraten vertreten wurde.

Ausgangspunkt für die klassische Auffassung von Literatur war die Ablehnung der Revolution. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller wandten sich vehement gegen die Französische Revolution und insbesondere gegen Versuche, „in Deutschland künstlicherweise ähnliche Szenen herbeizuführen“ – so Johann Wolfgang von Goethe –, weil sie die Bevölkerung in Deutschland für politisch nicht reif hielten. Unabhängig davon befürworteten sie jedoch gesellschaftliche Veränderungen, ja hielten eine bürgerliche Umgestaltung Deutschlands sogar für dringend erforderlich. Quelle: „Deutsche Literaturgeschichte“ aus dem Verlag J. B. Metzler

Von Hans Klumbies

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