Die Hauptschule kann nur noch Chancenlosigkeit verteilen

Da das Arbeitsvolumen in der Arbeitsgesellschaft schrumpft, wird der Übergang vom Bildungssystem in die Beschäftigungsphase unsicher und labil. Dazwischen schiebt sich laut Ulrich Beck eine Grauzone risikovoller Unterbeschäftigung. Heute reicht auch ein Schul- oder Universitätsabschluss allein in vielen Fällen nicht mehr aus, um eine bestimmte Berufsposition und damit ein entsprechendes Einkommen und Ansehen zu erreichen. Auf keinen Fall ist aber die Ausbildung überflüssig geworden. Ulrich Beck schreibt: „Im Gegenteil: ohne qualifizierenden Abschluss ist die berufliche Zukunft gänzlich verbaut.“ Qualifizierende Ausbildungsabschlüsse werden also immer weniger hinreichend, aber auch immer notweniger, um die erstrebten, knappen Beschäftigungspositionen zu erreichen. Ulrich Beck war bis 2009 Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seither ist er Gastprofessor für Soziologie an der London School of Economics and Political Science.

Die Hauptschule wird zur Einbahnstraße in die berufliche Chancenlosigkeit

Das erfolgreiche Absolvieren irgendeiner Berufsausbildung wird für Ulrich Beck zunehmen zur Voraussetzung dafür, überhaupt ins Erwerbsleben einsteigen zu können. Jugendliche, die keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können, werden zunehmend ausgegrenzt. Ulrich Beck schreibt: „Der Gang durch die Hauptschule wird zur Einbahnstraße in die berufliche Chancenlosigkeit. Die Hauptschule driftet so in das gesellschaftliche Abseits ab, wird zur Schule der unteren, auf berufliche Zukunftslosigkeit festgeschriebenen Statusgruppen.“

Die Hauptschule verteilt laut Ulrich Beck Chancenlosigkeit und droht damit als Bildungsinstitution zur Gettomauer zu werden, hinter der die unteren Statusgruppen au die Dauerexistenz der Arbeitslosigkeit festgeschrieben werden. Das aktuelle Bildungssystem produziert in diesem Sinne auch ein neuartiges, paradoxes Quasi-Analphabetentum der untersten Bildungsabschlüsse. Ulrich Beck erläutert: „Mit dieser Marginalisierungsfunktion verwandelt sich die Haupt- wie vorher bereits die Sonderschule in einen Aufbewahrungsort für arbeitslose Jugendliche.“

Lehrer und Lehrpläne an der Hauptschule sind in ihrer Legitimität gefährdet

Ulrich Beck bezeichnet die Hauptschule auch als bildungsorientierte Jugendherberge, die irgendwo zwischen Straße und Gefängnis angesiedelt ist. Ihr Funktionsgehalt verschiebt sich seiner Meinung nach in die Richtung einer Beschäftigungstherapie, wodurch sie dementsprechend auch die pädagogische Situation verschlechtert. Ulrich Beck erklärt: „Lehrer und Lehrpläne werden in ihrer Legitimität gefährdet. Auf sie werden die Widersprüche eine berufsorientierten Ausbildung ins Nichts projiziert.“ In dem Maße, in dem die Schule den Schülern nichts mehr zu bieten hat, verliert sie ihre Autorität.

Für Ulrich Beck gewinnt die interne Selektion in der Hauptschule immer mehr eine Schlüsselbedeutung. Es geht dabei um den Sprung in die Mittelschule oder das Gymnasium, um das rettende Ufer einer möglichen beruflichen Zukunft zu erreichen. Mit dem Zensururteil des Lehrers droht dabei immer das Zuklappen der Tür zu den Vorzimmern der Chancenvergabe. Die Negativauslese gleicht hier manchmal einer materiellen Existenzbedrohung, wobei sich die Hetze nach guten Zensuren und Abschlüssen zum Hoffnungslauf entwickelt, mit dem Ziel, in die nächsthöhere Etage der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen.

Von Hans Klumbies

 

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