Die Lust an der Angst ist weit verbreitet

Viele Jugendliche lieben Horrorfilme, nicht wenige Erwachsene holen sich beim Extremsport den ultimativen Kick. Offensichtlich mögen es Menschen, wenn es kribbelt und sie sich gruseln. Dabei gerät der Körper ganz schön in Stress, wenn man sich erschreckt. Der Herzschlag erhöht sich, die Herzkranzgefäße erweitern sich. Die Blutgefäße der Haut und der inneren Organe verengen sich. Die Bronchien werden weiter, man atmet schneller, um sich besser mit Sauerstoff zu versorgen. Das Blut wird dicker, um auf mögliche Verletzungen vorbereitet zu sein. Der Appetit geht verloren. Die Körpertemperatur steigt. Kalter Schweiß tritt aus, eine Gänsehaut bildet sich. Die Skelettmuskeln spannen sich an, um vorbereitet zu sein für den Kampf oder für die Flucht. Der Philosoph Alexander Grau sagt, dass Menschen ihre Furcht besser bewältigen können, wenn sie sich mental darauf vorbereiten.

Alle Menschen haben ein Bedürfnis nach einem gewissen Kribbeln

Die Lust an der Angst ist eine Art Trick, damit sich Menschen freiwillig mit nicht wirklich gefährlichen Dingen auseinandersetzen, um sich auf die wirklich gefährlichen vorzubereiten. Zur Erklärung der Lust vor allem vieler männlicher Jugendlicher braucht es laut Philosoph Alexander Grau allerdings noch etwas mehr. Dabei geht es um Stärke und Mut. Jugendliche wollen einander imponieren, die Jungs den Mädchen eine starke Schulter bieten, an die diese sich anlehnen können. Das klingt sehr traditionell, vor allem wenn man berücksichtigt, dass sich viele Mädchen und Frauen auch für den Horror begeistern.

Das Bedürfnis nach einem gewissen Kribbeln steckt scheinbar in allen Menschen. Die Psychologie hat das unter dem Begriff „sensation seeking“ untersucht. Demnach finden Menschen einen bestimmten Grad an Stimulation als angenehm, erklärt Marcus Roth, der Psychologieprofessor an der Universität Duisburg-Essen ist. Menschen streben ein individuelles Erregungsniveau an, denn sonst käme ihnen ihr Leben ziemlich langweilig vor. Marcus Roth erläutert: „Wie viel Erregung und psychophysiologische Aktivität wir brauchen, bestimmen unsere Gene.“

Auf extreme Anspannung muss tiefe Entspannung folgen

Wie man dieses Niveau erreicht, hängt allerdings von der Sozialisation eines Menschen ab. Es besteht der Verdacht, dass heute alles gewalttägiger, brutaler, blutiger sein muss als früher, um die Menschen zu begeistern. Dass die Gesellschaft zunehmend verroht. Der Psychologe Marcus Roth teilt diese Ansicht nicht: „Aber das ist nicht so. Eher das Gegenteil ist der Fall. Zwar ist es die Logik des Kicks, dass er immer gesteigert werden muss, damit wir ihn noch als anregend empfinden. Aber viel wirksamer sind die gesellschaftlichen Konventionen.“

Der Erfolg von Horrorartikeln aller Art ist auch ein Symptom einer rundum versicherten westlichen Welt, in der sich Menschen nach ein bisschen Nervenkitzel sehnen. So richtig genießen kann man den Schrecken allerdings nur, wenn man nicht wirklich in Gefahr ist. Die Lust an der Angst ist eine übergeordnete Emotion. Lust und Unlust, Traum und Trauma liege eng beieinander. Wenn sich Kinder von der Mutter lösen und die Welt erkunden, bewegen sie sich allein, aber suchen gleichzeitig Schutz und Geborgenheit. Wenn der der Erkundung alles glatt läuft, hat das Kind dabei und gutes Gefühl und möchte das Erlebnis wiederholen. Es sucht immer ein bisschen mehr Kitzel. Entscheidend dabei ist nur, dass auf die extreme Anspannung tiefe Entspannung folgt. Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Von Hans Klumbies


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