Luxus geht über das Notwendige hinaus

Als Luxus bezeichnet man – und das scheint unstrittig wie sinnvoll zu sein – „jeden Aufwand, der über das Notwendige hinausgeht“. Dies ist die klassische Definition, die der Soziologe Werner Sombart in seinem berühmten Buch „Luxus und Kapitalismus“ von 1913 gegeben hat. Lambert Wiesing ergänzt: „Luxusgüter sind demnach die Dinge und Lebensweisen, mit denen die Vorstellungen vom Notwendigen, vom Sinnvollen, vom Normalen und Angemessenen gesprengt werden.“ Die Kontexte und die Situationen mögen sich ändern; was einmal Luxus war, muss nicht immer Luxus bleiben. Doch in jedem Fall gilt: Wenn etwas in einer Situation Luxus ist, dann deshalb, weil dieses Etwas mit einem übertriebenen, verschwenderischen, irrationalen und überflüssigen Aufwand verbunden ist. Prof. Dr. Lambert Wiesing ist lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Bildtheorie und Phänomenologie und ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Philosophie.

Nicht jede Verschwendung wird als Luxus bezeichnet

Im Luxus werden Zeit, Arbeit, Geld und Ressourcen verschwendet. Allerdings nicht jede Verschwendung, nicht alles, was überflüssig ist, wird üblicherweise als Luxus bezeichnet. Luxus lässt sich vielmehr als genau die Verschwendung definieren, die mit der Verweigerung einhergeht, sich von den Vorstellungen der Angemessenheit bestimmen zu lassen – und zwar von den Vorstellungen der Angemessenheit, die mit derjenigen Lebensform verbunden sind, welche als die richtige erachtet und anerkannt wird.

Mit der Verschwendung, die Luxus ist, bricht man zwar mit einer geschätzten Lebensform, doch man begeht noch keine Straftaten. Wenn man über Lebensformen spricht, dann redet man über Verhaltensweisen, die man rational diskutieren und kritisieren, die man mit Argumenten verteidigen oder zurückweisen kann. Wer etwas als Luxus anspricht, bestimmt dieses Etwas automatisch als etwas, das er nicht für belanglos, sondern vielmehr für etwas hält, das mit seiner Ethik und seinen Gesetzesvorstellungen, aber nicht mit seiner Lebensform vereinbar ist.

Urteile über Luxus haben einen Allgemeinheitsanspruch

Auch im Alltag lässt sich beobachten, dass gerade die Identifikation von Dingen als Luxus ein vielbegangener Weg ist, um eine als richtig erachtete Lebensform zu artikulieren. Lambert Wiesing fügt hinzu: „Menschen beschreiben die von ihnen akzeptierte Lebensform nicht zuletzt dadurch, dass sie bestimmte Dinge als Luxus bestimmen.“ Das dies funktioniert, hat einen einfachen Grund: Mit jedem Luxusurteil wird immer ein Bezug der Sache zum Leben von Menschen hergestellt. Es geht dabei um die Beurteilung durch reflexive Urteilskraft.

Urteile über Luxus sind keine privaten Urteile der Sinne. Das gilt vielleicht für den Komfort, den man hin und wieder mit Luxus verwechselt. Urteile über Luxus haben vielmehr einen Allgemeinheitsanspruch, den man auch von den Urteilen über Geschmack bei Immanuel Kant kennt: Sie sagen nicht, dass das für mich persönlich angenehm, bequem und komfortabel ist, sondern: Das ist für jeden Menschen unvernünftig, übertrieben und überflüssig. Wer etwas als Luxus bezeichnet, muss wissen, in welcher Form Menschen leben sollten. Quelle: „Luxus – eine Weltbeziehung“ von Lambert Wiesing im Buch „Über Gott und die Welt“

Von Hans Klumbies


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