Zivilisation bedeutet nicht zwangsläufig Fortschritt

Schamgefühle haben sich im Lauf der Geschichte differenziert und verfeinert. Es gibt eine Entwicklung hin zur stärkeren Selbstkontrolle. Der Philosoph Norbert Elias hat diese Thesen in seiner berühmten Schrift „Über den Prozeß der Zivilisation“ (1939) aufgestellt und näher begründet. Ende der achtziger Jahre begann der Ethnologe Hans Peter Duerr mit einer fünfbändigen Widerlegung mit dem Titel „Der Mythos vom Zivilisationsprozeß“. Hans Peter Duerr hielt die Zivilisationstheorie von Norbert Elias für einen ausgemachten Schwindel. Hans Peter Duerr schreibt im ersten Band: „Dieser Mythos besagt, dass die derzeitige Domestikation unserer tierischen Natur das Ergebnis eines langwierigen Prozesses sei, der im westlichen Europa gegen Ende des Mittelalters und bei den Primitiven – vor kurzem noch Wilde genannt – erst in allerjüngster Zeit begonnen habe.

Norbert Elias war Assistent des Soziologen Karl Mannheim

Hans Peter Duerr fährt fort: „Ich versuche einsichtig zu machen, dass dieser Mythos ein Zerrbild vergangener und fremder Kulturen zeichnet, ein Bild, das zwanglos zur Rechtfertigung des Kolonialismus verwendet werden konnte. Norbert Elias war Assistent des berühmten Soziologen Karl Mannheim gewesen und wollte ich bei ihm habilitieren. Dazu kam es nicht, weil Mannheims Institut von den Nazis geschlossen wurde und Norbert Elias, jüdischer Herkunft, nach England emigrieren musste.

Norbert Elias verfasste seine große Abhandlung „Über den Prozeß der Zivilisation“ unter erschwerten Bedingungen. Norbert Elias hatte seine Theorie in den dreißiger Jahren erarbeitet und stand damit ziemlich allein. Heute hat sich die Informationsmenge ebenso vervielfacht wie die Zahl der Wissenschaftler. Als Fazit der Kontroverse um Norbert Elias hält Ulrich Greiner fest, dass seien Theorie revidiert, jedoch nicht falsifiziert wurde. Ulrich Greiner war zehn Jahre lang der Feuilletonchef der ZEIT. Als Gastprofessor lehrte er in Hamburg, Essen, Göttingen und St. Louis. Außerdem ist er Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Einige Menschengruppen sind zivilisierter geworden

Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias wird oftmals so verstanden, als hätte der Autor behauptet, frühere Gesellschaften seien schamfrei oder gar schamlos gewesen, und als sähe er im Prozess der Zivilisation eine Fortschritt gegenüber sogenannten primitiven Völkern. Das trifft nicht zu. Im Vorwort schreibt Norbert Elias: „Man kann nie mit Bestimmtheit sagen, dass die Menschen einer Gesellschaft zivilisiert sind. Aber man kann aufgrund von systematischen Untersuchungen […] recht wohl mit hoher Bestimmtheit von einigen Menschengruppen sagen, dass sie zivilisierter geworden sind, ohne notwendigerweise damit den Gedanken zu verbinden, dass es besser oder schlechter ist, dass es einen positiven oder negativen Wert hat, zivilisierter geworden zu sein.“

Gegenstand der Untersuchungen von Norbert Elias ist das Europa der höfischen Gesellschaft bis hin zur Moderne. Norbert Elias zeigt, wie die wachsende Zahl der Menschen eine Arbeitsteilung sowohl ermöglicht als auch erzwingt; wie dies wiederum eine engere Verflechtung immer größerer Lebensbereiche und geographischer Räume mit sich bringt; wie sich die gesellschaftlichen Schichten voneinander absondern und wie Kultur und Habitus der jeweils höheren Schicht von den nachdrängenden adaptiert werden. Schließlich erklärt er, wie im Verlauf dieser Entwicklung die Freiheit der Menschen einerseits zunimmt, weil ihr Leben berechenbarer und also sicherer wird, und wie sie andererseits abnimmt, weil die sozialen Zwänge und der Konformitätsdruck zunehmen. Quelle: „Schamverlust“ von Ulrich Greiner

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar